Greenpeace-Umfrage: Mehrheit der Deutschen hält schweren Atomunfall in Westeuropa für möglich

Verlorene Illusionen

Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des AKW Tschernobyl. Ist ein ähnlich schwerer Unfall auch in Westeuropa denkbar? 85 Prozent der ab 45-jährigen Deutschen sagen: Ja.

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Im Auftrag von Greenpeace befragte TMS Emnid im April 2016 mehr als 1000 Menschen, die zum Zeitpunkt des Unfalls mindestens 15 Jahre alt waren und sich noch an die Katastrophenmeldungen aus Tschernobyl erinnern können.

Das Unglück setzte damals gewaltige Mengen Radioaktivität frei. Große Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands wurden verstrahlt. Der Wind trieb die strahlende Wolke mehrmals um die Welt. In Schweden traten so hohe Strahlenwerte auf, dass zunächst ein Störfall im AKW Forsmark vermutet wurde.

Pilze  in Süddeutschland noch heute verstrahlt

In Deutschland setzte die bedrohliche Situation eine ebenso große Hilflosigkeit frei – die Behörden waren auf einen solchen Fall in keiner Weise vorbereitet. Anfang Mai 1986 gab es erste Warnungen, die sich aber von Bundesland zu Bundesland unterschieden. In Hamburg wurde vor dem Aufenthalt im Freien bei Regen gewarnt, in Niedersachsen das Milchvieh von den Weiden geholt, in Hessen wurden Spielplätze geschlossen.

Ausgerechnet in Bayern, das am schlimmsten von der Wolke betroffen war, blieben die Milchkühe draußen. Die Folge war verstrahlte Milch, die nicht mehr verkauft werden durfte. Ein Run auf unbelastetes Milchpulver setzte ein. Noch heute weisen Beeren und Pilze in Süddeutschland überhöhte Werte von Cäsium-137 auf, einem Radionuklid mit einer Halbwertzeit von rund 30 Jahren.

Die Illusion von der sicheren Atomkraft - weggefegt

Kein Wunder, dass die Katastrophe sich ins Gedächtnis eingegraben hat. Nur verschwindend wenige Befragte gaben an, sich nicht erinnern zu können. 66 Prozent waren damals besorgt, dass die Folgen sie auch persönlich betreffen könnten, 61 Prozent sagten, der Unfall habe ihre persönliche Meinung zur Atomkraft negativ verändert.

Vor allem aber zweifelt eine überwältigende Mehrheit an der Sicherheit der Atomkraftwerke, auch im vermeintlich sichereren West- und Mitteleuropa. Selbst 78 Prozent der traditionell atomkraftfreundlicheren CDU-/CSU-Wähler sind überzeugt, dass ein ähnlich schwerer Atomunfall wie der von Tschernobyl auch bei uns passieren könnte. In einem dicht besiedelten Land wie Deutschland wären die Folgen verheerend.

„Den Menschen ist die große Gefahr durch marode AKW in Deutschland und den Nachbarländern sehr bewusst“, sagt Tobias Münchmeyer, bei Greenpeace Experte für Atomkraft. „Tschernobyl zeigt, dass uns die Folgen eines solchen Unfalls vor schier unlösbare Probleme stellen. Europa muss daher schnellstmöglich aus der Atomkraft aussteigen.“

Umzingelt von Schrottreaktoren

Zwar ließ die Bundesregierung 2011 die sieben ältesten Reaktoren und den Pannenmeiler Krümmel abschalten, doch die letzten drei AKW werden erst 2022 vom Netz gehen – trotz gestiegener Terrorgefahr. Zudem ist Deutschland jenseits der Landesgrenzen umgeben von französischen, belgischen, tschechischen und Schweizer Atomkraftwerken. Münchmeyer fordert die Bundesregierung deshalb auf, in diesen Ländern mehr Druck für ein schnelles Abschalten der Reaktoren zu machen. „Es ist ein Skandal, dass Schrottmeiler wie Fessenheim, Tihange und Doel immer noch Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenzen bedrohen.“

Über die belgischen Meiler Tihange und Doel berichteten Medien im Februar 2016, dass ihre Reaktorbehälter sogar zu brüchig für das Kühlwasser seien. Jeweils rund 1,8 Millionen Liter, bereitgehalten für die Notkühlung im Falle eines größeren Störfalles, müssten ständig vorgeheizt werden, um im Falle des Falles einen thermischen Schock zu vermeiden.

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