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Leben mit der Angst

Hoffnungslosigkeit, Wut auf die Regierung und Angst um die Gesundheit prägen das Leben vieler Menschen in Fukushima. Drei Jahre nach dem verheerenden Atomunfall haben die Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern zugenommen.

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Einiges spricht dafür, dass die erhöhte Zahl der Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen auf den Super-GAU zurückzuführen ist. Es gibt offizielle Gruppen, die diesen Zusammenhang nicht erkennen wollen, doch das ist bei näherer Betrachtung in Frage zu stellen. Da Strahlung oft erst viel später zu Gesundheitsschäden wie Krebs oder Leukämie führt, sind auch in Zukunft zusätzliche strahlenbedingte Erkrankungen zu erwarten. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) geht in ihrem Handbuch davon aus, dass bei einem Unfall der Stärke 7 auf der INES-Skala mit Gesundheitsfolgen in weiten Gebieten zu rechnen ist. In Fukushima war die Freisetzung von radioaktiven Stoffen so gewaltig, dass dieses Kriterium um mehr als das 10-Fache übertroffen wurde.

Schlechtes Krisenmanagement

Darüber hinaus funktionierten notwendige Maßnahmen nicht, die die Strahlenbelastung zumindest hätten reduzieren können. Japan hat ein Rechenprogramm, dass die zu erwartende Dosis auf Grundlage von Freisetzung und Wetterbedingungen vorausberechnet: SPEEDI (System for Prediction on Environmental Emergency Dose Information). Es zeigt, dass hohe zu erwartende Organdosen für die Schilddrüse von über 500 Millisievert für Regionen zu erwarten waren, die zunächst nicht evakuiert wurden.

Die Einnahme von Jod-Tabletten (nicht-radioaktivem Jod) war geplant, scheiterte aber, weil gesendete Faxe mit der Anordnung im Katastrophen-Chaos übersehen wurden. Herr Kenichi Hasegawa, ein Milchbauer aus Iitate, berichtet, dass sie ca. 10 Tage lang Wasser mit radioaktivem Jod getrunken hätten. Wie ihm erging es vielen Menschen in der Region. Dabei ist in solchen Fällen wichtig, dass das stabile Jod eingenommen wird, bevor die radioaktive Wolke (mit radioaktivem Jod J-131, J-132, J-133) die Bevölkerung belastet.

Erschwerend kommt hinzu, dass Krankenhäuser der Region mit spezieller Strahlenschutzkompetenz verlassen werden mussten, weil sie innerhalb der 10-km-Evakuierungszone lagen. Die Atomindustrie hatte nicht mit derart großen Freisetzungen gerechnet.

Bis knapp vor der Evakuierung im April erzählten Strahlenfachleute wie Prof. Yamashita von der Nagasaki Universität Unwahrheiten und spielten die Strahlenbelastung herunter: Kinder könnten in Iitate ruhig draußen spielen, man solle aber lächeln, das verhindere Strahlenschäden.

"In den ersten Tagen nach der Katastrophe wurden die Strahlungsdaten einfach versteckt. Es gab keine Aufforderung, Jodtabletten zu nehmen, um die Gesundheitsrisiken zu reduzieren“, erzählt  Katsutaka Idogawa, der ehemalige Bürgermeister von Fukushima.“ An der medizinischen Universität gab es nur heimlichtuerische Gespräche, aber keine Strahlungskontrollen. Kinder hätten sofort evakuiert werden müssen. Es ist ein Verbrechen.“

Leugnen hilft nur der Atomindustrie

Alles spricht also dafür, dass die Atomkatastrophe in Fukushima mehr gesundheitliche Schäden verursacht hat und noch verursachen wird, als offizielle Stellen zugeben wollen: die enormen Mengen an freigesetzter Radioaktivität, die gescheiterten Gegenmaßnahmen, um Gesundheitsfolgen zu reduzieren, der politische Wille, die Katastrophe klein zu reden. Insgesamt kann man von einer systematischen Verharmlosung der Folgen sprechen.

Es wird nicht möglich sein, in jedem einzelnen Fall nachzuweisen, dass die gesundheitlichen Schäden auf eine Strahlenexposition zurückzuführen sind. Deswegen kann aber die Existenz von Strahlenschäden nicht insgesamt bestritten werden. Diese Folgen zu leugnen hilft der Bevölkerung nicht, sondern schont nur die Atomindustrie vor den für sie unangenehmen Konsequenzen.

"Wir fühlen uns wie Flüchtlinge im eigenen Land. Wir sind wie vergessene Menschen“, sagt Katsutaka Idogawa. „Es darf nicht sein, dass wir nicht gesehen werden. Wir erzählen von dem, was uns verloren gegangen ist. Aber wie geht man damit um? Wo können wir hingehen? Wir brauchen Häuser und Arbeit. Aber es passiert nichts.“ Und ihre Gesundheit kann niemand ihnen zurückgeben.

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