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Eindrücke aus Tschernobyl 2005

Der Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 ist unvergessen. Der Wind trieb die radioaktive Strahlung über weite Teile Nordeuropas. Die Gegend um den Reaktor herum ist bis heute unbewohnbar. Ein Greenpeace-Team war vom 18. bis 25. Mai 2005 in der Region unterwegs. Einer von ihnen war unser Atomexperte Thomas Breuer. Hier ein Interview mit ihm:
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Greenpeace-Online: 19 Jahre nach dem Super-GAU ist die 30-Kilometer-Zone um den Reaktor immer noch gesperrt. Andererseits arbeiten im AKW Tschernobyl Menschen. Wie gefährdet sind sie durch die Strahlung und was wird zu ihrem Schutz getan?

Thomas Breuer: Nach Angaben von Mitarbeitern des ukrainischen Katastrophenschutzministeriums arbeiten einige tausend Menschen in Tschernobyl. Ein Teil arbeitet am Sarkophag und ein Teil an den drei abgeschalteten Atomreaktoren. Die Strahlung ist sehr hoch. Die Hintergrundstrahlung in Hamburg am Rethedamm beträgt beispielsweise 12 Zerfälle pro Minute. In etwa 100 Meter Entfernung vom Sarkophag, der um den explodierten Atomreaktor in Tschernobyl gebaut wurde, zeigt der Geigerzähler rund 1000 bis 1300 Zerfälle pro Minute. Wir haben einige Arbeiter gesehen und auch Wachpersonal. Niemand von denen hat einen Schutzanzug getragen. Wie die Menschen, die direkt am Reaktorsarkophag arbeiten, geschützt sind, konnten wir nicht erfahren.

Greenpeace-Online: Was passiert mit der ganzen Anlage? Stimmt es, dass sie komplett abgebaut werden soll? Was passiert dann mit dem radioaktiven Material?

Thomas Breuer: Derzeit wird wohl nicht darüber nachgedacht, die Anlage abzubauen, weil die Strahlung noch viel zu hoch ist. Um den zerstörten Reaktor soll ein zweiter Sarkophag gebaut werden, da der erste langsam baufällig wird.

Greenpeace-Online: In der 30-Kilometer-Zone sollen inzwischen wieder vereinzelt Menschen leben. Wie leben sie dort? Wovon ernähren sie sich?

Thomas Breuer: Uns wurde erzählt, dass in dem Dorf Tschernobyl, das etwa acht Kilometer vom Reaktor entfernt liegt, wieder etwa 100 Menschen leben. Wir haben eine ältere Frau getroffen, die in ihr altes Haus zurückgezogen ist, weil sie nicht wusste wohin. Außerdem haben wir den Pfarrer und seine Frau gesprochen, die auch wieder in Tschernobyl leben.

Sie leben äußerlich ganz normal in ihren alten Häusern. Ein Teil der Ernährung wird in das Gebiet geliefert, aber die ältere Dame baut beispielsweise in ihrem Garten ihr eigenes Gemüse an. Sie erzählte uns, dass ihr Garten saniert wurde, das heißt die Erde wurde abgetragen. Wie hoch ihre Gefährdung durch radioaktive Strahlung ist, können wir nicht einschätzen, da wir keine Bodenproben oder Nahrungsmittelproben nehmen konnten.

Greenpeace-Online: Wird die Sperrzone kontrolliert?

Thomas Breuer: Es gibt zwei Ringe um den Reaktor, einen in einem Radius von zehn Kilometern, um den ein Zaun gezogen ist, der allerdings teilweise schon eingefallen ist. Die Zugänge zu dieser Zone werden von Militär bewacht ebenso wie die Zugänge nach Pripjat, welches in dieser 10-Kilometer-Zone liegt. Pripjat, eine Stadt mit früher 50.000 Einwohnern, war praktisch die Satellitenstadt zur Atomanlage und liegt etwa drei Kilometer vom Reaktor entfernt.

Der zweite Ring hat einen Radius von 30 Kilometern, immer vom Reaktor an gerechnet. Auch hier werden die Hauptzufahrten bewacht. Ein Problem ist, dass die Grenze zwischen Weißrussland und der Ukraine mitten durch die Sperrzone verläuft und die Zusammenarbeit zwischen den Ländern nicht unbedingt reibungslos abläuft.

Pripjat ist eine Geisterstadt. Unsere einzigen Begleiter neben der Führerin waren die drei Hunde der Wachleute, die sichtlich froh waren, etwas Abwechslung zu bekommen. Im Zentrum der Stadt liegt das Kulturzentrum, wo gerade die Feierlichkeiten zum Kriegsende vorbereitet wurden, als der Super-GAU passierte. In den Räumen des inzwischen stark angegriffenen Gebäudes findet man noch Plakate von sowjetischen Persönlichkeiten, die wohl zur Feier aufgehängt werden sollten.

Hinter dem Kulturzentrum liegt eine Art Rummelplatz, der gespenstisch wirkt mit seinem verlassenen Riesenrad und der halb eingefallenen Autoscooterbahn. Zwischen den Betonplatten der Straßen und Plätze macht sich die Natur wieder breit. Überall sprießen Gräser und Moose. Das satte Grün birgt aber radioaktive Überraschungen. Misst man auf dem Beton noch radioaktive Zerfälle von 150 bis 350 Zerfälle pro Minute, so erreicht man bei Messung der Moose Werte von 1200 und mehr.

Greenpeace-Online: Wie lange wird es ungefähr dauern, bis die Gegend wieder gefahrlos bewohnbar ist?

Thomas Breuer: Das ist sehr schwer zu sagen. Ich denke, dass in menschlichen Zeiträumen gedacht dort niemand mehr wohnen kann.

Greenpeace-Online: Kann ein Unfall wie in Tschernobyl auch in Deutschland passieren?

Thomas Breuer: Ein Unfall wie in Tschernobyl kann jederzeit auch in Deutschland passieren. Die Auswirkungen eines solchen Unfalls wären aber noch gravierender als in der Ukraine. In der Studie "Nuclear Reactor Hazard" für Greenpeace International gehen die Autoren davon aus, dass bei einem 1300-Megawatt-Atomkraftwerk wie beispielsweise Biblis bis zu viermal mehr Radioaktivität freigesetzt werden kann als in Tschernobyl. Hinzu kommt die Tatsache, dass Deutschland viel dichter besiedelt ist als die Ukraine und Weißrussland.

Greenpeace-Online: Vielen Dank für das Gespräch.

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