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Interview mit Anike Hage, Comiczeichnerin

Die Wolke

Der zweite Platz beim Manga Talente Wettbewerb auf der Leipziger Buchmesse war 2004 der Beginn ihrer Karriere: Seither ist Anike Hage, 25, hauptberuflich Comiczeichnerin. Am 23. September erschien ihr aktueller Comic als Taschenbuch. Der Klassiker Die Wolke von Gudrun Pausewang gewinnt in ihrer Manga-Version einen ganz eigenen Charakter - nicht zuletzt begründet durch die Tatsache, dass Anike Hage aufgewachsen ist in Wolfenbüttel, in unmittelbarer Nähe zum Atommüllager Asse.

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Online-Redaktion: Anike, wie war es für dich, den Auftrag zu erhalten: Kanntest du Die Wolke vorher schon?

Anike Hage: Ja, ich habe Die Wolke als Kind gelesen und dementsprechend schon gewusst, worum es geht. Das ist ja erstmal ein bisschen ein gruseliges Thema, aber das hat es auch interessant gemacht für mich. Ich war ein bisschen ehrfürchtig, aber es war dann doch eine Ehre, dass ich es machen durfte.

Online-Redaktion: Worin bestand deine Ehrfurcht?

Anike Hage: Das ist natürlich ein Buch, das jeder kennt. Das wird in der Schule gelesen, das ist auch vom Inhalt her immer präsent. Und dementsprechend will man das natürlich nicht versauen. Wenn man das nicht standesgemäß umsetzen würde, ginge eben alles verloren.

Online-Redaktion: Hattest du das Gefühl, dass das Thema gewisse Erwartungen an dich stellt?

Anike Hage: Ja, auf jeden Fall: dass das Comic die Message so rüberbringt, wie es ursprünglich mit dem Buch gedacht war.

Online-Redaktion: Hattest du dazu sofort konkrete Bilder im Kopf?

Anike Hage: Sobald ich einen Auftrag habe, geht's eigentlich im Kopf schon los, dass ich Bilder da habe. Es ist immer eher schwierig, wenn ich das dann wieder zurückschrauben muss, weil die Redakteure natürlich auch ihre Vorstellungen haben. Aber in diesem Fall war es relativ offen, daher konnte ich gleich loslegen.

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Online-Redaktion: Wusstest du gleich, wie die Janna aussieht?

Anike Hage: Ja, das war das Erste: Genau so habe ich sie mir vorgestellt und so ist sie auch geworden.

Online-Redaktion: Woher nimmst du die Ideen für deine Zeichnungen?

Anike Hage: Da geht bei mir im Kopf sofort ein Film los, es ergibt sich alles ganz von selbst, sobald ich etwas lese.

Online-Redaktion: Klassische Manga sind schwarz-weiß - hat es das einfacher für das Thema gemacht?

Anike Hage: Ja, definitiv! Gerade bei drastischeren Szenen hätte ich nicht gewusst, wie ich es in Farbe hätte umsetzen sollen. Das wäre dann vielleicht ein Horror-Comic geworden und ganz bestimmt nicht mehr das, was es sein sollte. Die Message wäre untergegangen und man hätte wahrscheinlich nur noch Bilder in shocking pink gehabt.

Online-Redaktion: Ist Die Wolke für dich ein typisches Manga-Thema?

Anike Hage: Typische Manga-Themen gibt es eigentlich nicht. In Japan gibt es Mangas für alles. Es gibt ganz unterschiedliche Mangas für unterschiedliche Leute, zum Beispiel für Hausfrauen oder für Jugendliche, wo es dann eher um so Themen wie Liebe geht.

Online-Redaktion: Ist das Manga-Format vielleicht eine Chance, eine andere Zielgruppe auf das Thema Atomkraft aufmerksam zu machen?

Anike Hage: Auf jeden Fall! So ein Comic ist einfach zu konsumieren. Das ist auch schneller und damit für Jugendliche viel ansprechender als ein dickes Buch. Insofern ist das eine super Chance, um die Jugendlichen auf das Thema aufmerksam zu machen.

Online-Redaktion: Der Film Die Wolke unterscheidet sich ein wenig vom Buch: Inwiefern gleicht das Comic dem Buch oder dem Film?

Anike Hage: Das Comic gleicht eher dem Buch als dem Film.

Online-Redaktion: Du hast die Texte ja auch selbst ausgewählt und geschrieben. War es eine Herausforderung, das Thema mit so wenig Text und fast nur in Bildern darzustellen?

Anike Hage: Für mich war das gut, weil ich viel mehr über die Bilder ausdrücken und transportieren kann. Da brauche ich nicht so viel Text. Eine besondere Herausforderung war für mich die Passage, als alle krank wurden. Als allen dann die Haare ausfielen, da wusste ich zuerst nicht, wie ich das darstellen sollte. Das Besondere an Mangas ist ja, dass sie immer sehr ästhetisch sind - vor allem die, für die jugendliche Zielgruppe. Dem widerspricht so ein haarloser Kopf natürlich, das ist überhaupt nicht typisch für Manga.

Online-Redaktion: Als Tschernobyl explodierte, warst du ein Jahr alt, daran kannst du dich wahrscheinlich nicht mehr erinnern. Wie ist dir denn das Thema später begegnet?

Anike Hage: Ich komme aus der Asse, da wächst man mit dem Thema Atom auf! Es gibt oft Demonstrationen, die Leute reden darüber. Das Thema ist einfach immer präsent und immer aktuell. Wir sind damit aufgewachsen, das kannten alle. Insofern musste das nicht mehr viel besprochen oder aufgeklärt werden.

Online-Redaktion: Was bringst du persönlich mit AKWs in Verbindung?

Anike Hage: Aufgrund meiner Herkunft natürlich vor allem den Müll, der aus Atomkraftwerken entsteht. Die Menge an Müll und was danach damit passieren soll. Dass der dann einfach abgelagert wird.

Online-Redaktion: Was wären deine Forderungen?

Anike Hage: Ganz klar: Atomkraftwerke abstellen! Dann gibt es auch keinen Müll mehr, der daraus entsteht.

Online-Redaktion: Was würde so eine Katastrophe für sich bedeuten?

Anike Hage: Das wäre für mich das Ende! Danach kommt nichts mehr!

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview, Anike.

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