Eine neue Greenpeace-Studie zeigt die Lage am verstrahlten Standort Tschernobyl

„Noch lange nicht vorbei“

30 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl ist nicht abzusehen, wann – und ob – die Katastrophe jemals bewältigt sein wird. Die Herausforderungen sind immens.

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 „Vor 30 Jahren ereignete sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl“. So oder ähnlich beginnen die Berichte  über das, was vor drei Dekaden in der ukrainischen Grenzregion zu Weißrussland geschah. Dieser Satz sei falsch, schreibt Tobias Münchmeyer, Greenpeace-Experte für Atomenergie, in seinem Vorwort zur neuen Studie „Die Lage am Standort“. „Richtig muss es heißen: ‘Vor 30 Jahren begann die Atomkatastrophe von Tschernobyl‘. Denn sie ist nicht vorbei. Noch lange nicht.“

Ein gigantischer Berg radioaktiven Schutts

Die Physikerin Oda Becker hat für Greenpeace die Lage am Standort untersucht. In der Studie kommt sie zu dem Schluss, dass die Bewältigung des Desasters nach drei Jahrzehnten noch ganz am Anfang steht. Tschernobyl heute – das bedeutet:

  • Eine radioaktive Zeitbombe unter einer einsturzgefährdeten Betonhülle, die notdürftig stabilisiert wurde, um die nächsten Jahre zu überstehen
  • In der Ruine 440.000 Kubikmeter strahlender Atommüll, der auf Bergung wartet – 15-mal mehr als sämtliche hochradioaktiven Abfälle aus deutschen AKW
  • Im Umkreis von zehn Kilometern um das AKW herum unbewohnbares Land für zehntausende Jahre. Mitten darin die Geisterstadt Pripjat, einst gebaut für die AKW-Angestellten, jetzt verseucht unter anderem mit Plutonium, einem hochgiftigen Spaltprodukt aus Atomkraftwerken
  • Eine „Verbotene Zone“ von 30 Kilometern im Umkreis, 10.000 Quadratkilometer von Stacheldraht umzäuntes kontaminiertes Land - unbewohnbar für tausende Jahre. Eine Vorstellung von der Größe dieser Zone vermittelt diese interaktive, verschiebbare Karte.
  • 800 Atommülldeponien und ein radioaktiv verseuchter Kühlteich auf dem Gelände

„Die Tschernobyl-Katastrophe zu bewältigen, ist Sisyphos-Arbeit“, sagt Münchmeyer. „Sie muss geleistet werden, aber sie wird Hunderte von Jahren in Anspruch nehmen - niemand weiß heute, ob sie überhaupt jemals endet. Derzeit existiert weder die erforderliche Technik noch ist die Finanzierung gesichert. Die internationale Staatengemeinschaft trägt eine große Verantwortung.“  

Koloss auf Schienen

Seit 2012 ist eine neue Schutzhülle im Bau, ein gigantisches Gebilde, dreimal so groß wie die Halle des Hamburger Hauptbahnhofs. Sie wird frühestens 2017 vollendet sein. Wegen der zu hohen Strahlung wird der neue Sarkophag nicht direkt um die Ruine herumgebaut, sondern nach Fertigstellung auf Schienen über den alten Sarkophag geschoben. Die Kosten für das Gesamtprojekt haben sich inzwischen vervielfacht und liegen bei rund 2,15 Milliarden Euro.

Erst wenn die neue Schutzhülle an Ort und Stelle steht, kann in ihrem Schutz der Rückbau des alten Sarkophags beginnen, und danach die Bergung der radioaktiven Massen – sofern es ein Konzept dafür gibt. Bislang existiert keines. Es ist völlig unklar, wie diese Mammutaufgabe technisch gelöst werden soll. Geplante Anlagen für die Behandlung und Lagerung der unfallbedingten radioaktiven Stoffe stehen weiter aus. An einer langfristigen Lösung wird derzeit fast gar nicht gearbeitet, die zuständige ukrainische Regierung benötigt dringend internationale Unterstützung. Selbst das Pilotprojekt für einen Test zur Bergung der radioaktiven Materialien wurde eingestellt.

Wer das alles bezahlen soll, ist ebenfalls unklar. Experten der ukrainischen Regierung gehen von „mehreren 10 Milliarden Dollar“ aus – unbezahlbar für das Land. Auch hier wird die internationale Staatengemeinschaft helfen müssen.

Die „Verbotene Zone“ - eine trügerische Idylle

Die technischen Herausforderungen am Ort des Geschehens sind das Eine. Ein weiteres Problem sind die Schäden für die Gesundheit der Bevölkerung. Der furchtbare Unfall „hat viel Leid über hunderttausende Menschen gebracht und tut dies bis heute“, schreibt Tobias Münchmeyer. Ungefähr fünf Millionen Menschen in der Ukraine, Weißrussland und Russland leben auf radioaktiv kontaminierten Territorien und ernähren sich zum Teil von verseuchten Lebensmitteln. Frühere Greenpeace-Studien belegen, dass Tschernobyl bis zum Jahr 2056 etwa 93.000 Todesopfer allein durch Krebserkrankungen fordern wird.

Auch die Auswirkungen der permanent erhöhten Radioaktivität auf das Ökosystem sind nicht ausreichend geklärt. In der hoch kontaminierten „Verbotenen Zone“ bietet die Natur auf den ersten Blick oft einen trügerisch idyllischen Anblick. Ungestört von menschlichen Aktivitäten scheint die Pflanzenwelt zu gedeihen. Seltene Tierarten sind eingewandert oder wurden angesiedelt, so eine Herde wilder Przewalski-Pferde. Doch laut einer Studie der Leuphana-Universität Lüneburg aus dem Jahr 2012 sind die Langzeitschäden der betroffenen Ökosysteme nach atomaren Katastrophen größer als bisher angenommen. Selbst geringe Strahlendosen können Pflanzen und Tiere schädigen.

Zehn bis 15 Waldbrände pro Jahr

Eine weitere Gefahr geht von den zahlreichen Waldbränden aus - in der „Verbotenen Zone“ sind es zehn bis 15 pro Jahr. Das bislang größte Feuer wütete vom 29. April bis zum 2. Mai 2015 auf  einer Fläche von 350 Hektar, nur etwa 14 Kilometer südwestlich vom AKW Tschernobyl. Selbst wenn die Brände die AKW-Ruine bisher nicht erreichten – Feuer setzt die Radionuklide Cäsium-137 und Strontium-90 frei, die seit dem Super-GAU in der Vegetation vorhanden sind. Wind und Wetter können die hochgefährlichen freigesetzten Stoffe auch über die betroffene Region hinaus verbreiten.

In ihrem Schlusswort zum Tschernobyl-Statusbericht fasst die Physikerin Oda Becker zusammen, dass die Katastrophe nicht nur bislang unbewältigt ist, sondern die Gefahr durch die Reaktorruine sogar zunimmt. Von einer Überführung in ein ökologisch sicheres System sei der havarierte Reaktor weit entfernt. Tschernobyl wird noch viele Generationen heimsuchen. 

Grafik: Der neue Sarkophag für die Atomruine von Tschernobyl

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