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Genauer betrachtet:

Das Energiegutachten der Bundesregierung, Teil 2

Fortsetzung unserer Kritik am Energiegutachten der Bundesregierung: Auch das Energiegutachten der Bundesregierung kommt zu dem Ergebnis, dass der Atomausstieg die Versorgungssicherheit in keiner Weise gefährden würde. Viele Politiker der atomfreundlichen Regierungsparteien dürfte überraschen, dass laut Gutachten bestimmte Stromimporte mit Laufzeitverlängerung sogar zunehmen würden.

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3. Ökostrom-Importe aus dem Ausland

Durch einen raffinierten Winkelzug sind diese Stromimporte in dem Gutachten darüber hinaus noch einer dem Referenzszenario (ohne Laufzeitverlängerung) überlegenen CO2- und Kostenbilanz dienlich.

In allen Atomszenarien (Szenarien mit Laufzeitverlängerungen) werden die Kosten beim Klimaschutz durch massive Stromimporte aus Offshore-Windkraft aus Großbritannien und Solarstrom aus Südeuropa im Vergleich zum Referenzszenario reduziert. Der Nettoimport steigt gegenüber 2008 (4 Prozent) im Atomszenario IV in 2050 auf 31 Prozent an. Im Referenzszenario (ohne Laufzeitverlängerung) sind es 2050 lediglich 12 Prozent. Auf diese Weise wird Klimaschutz in den Zielszenarien ins Ausland ausgelagert – auf Kosten einer nachteiligen Entwicklung der Erneuerbaren-Branche in Deutschland (in punkto Wertschöpfung und Arbeitsplätze).

4. Prämissen werden als Ergebnisse präsentiert

Stromimporte aus erneuerbaren Energiequellen gewährleisten, dass vorgegebene Klimaschutzziele in den Zielszenarien erreicht werden. Prämissen bzw. Zielvorgaben legen hier die gewünschten Ergebnisse vorab fest – das betrifft sowohl die CO2-Einsparungen (- 85 Prozent), als auch die Entwicklung von Energieeffiziens und der Erneuerbaren. Verschiedene Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) bemühen sich, die Zielvorgaben des Gutachtens (also beispielsweise CO2-Einsparungen) als Ergebnisse darzustellen. Das Referenzszenario ohne Laufzeitverlängerung enthält dagegen keine Klimaschutzziele - Endenergiebedarf und damit CO2-Emissionen und Energiepreise sind hier daher höher. Diese überaus fragwürdige Herangehensweise der Gutachter kritisiert auch der Bundesverband für Erneuerbare Energien:

In dem Auftragsgutachten wurde das so genannte Referenzszenario, in dem keine Laufzeitverlängerung vorgesehen ist, mutwillig schlecht gerechnet. Fortschritte bei Energieeffizienz und Ausbau der Erneuerbaren in Wärme- und Verkehrssektor finden insbesondere in den Szenarien mit Laufzeitverlängerung statt.

5. Tricksereien mit CCS-Speicher

Die Gutachter nehmen überaus zweifelhafte Prognosen als Grundlage für ihre Berechnungen. Die CCS-Technologie - d.h. die unterirdische Speicherung von CO2 - etwa halten sie bereits für das Jahr 2025 für marktreif. Diese Annahme führt dazu, dass CCS-Kohlekraft als wirtschaftlicher erscheint als Erdgaskraft mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und diese Technologie daher verdrängen würde.

In Anbetracht der vielfältigen Probleme, der hohen Kosten und Unwägbarkeiten der CCS-Technologie rechnen jedoch selbst die Betreiber dieser Technologie wie RWE nicht mit einer Marktreife vor 2030. Andere Experten halten CCS in Deutschland für überhaupt nicht wettbewerbsfähig. Fragwürdig sind zudem die Annahmen über potenzielle CO2-Speicherkapazitäten von 10 Gigatonnen CO2 in Deutschland und 5 Gigatonnen im Ausland. Der BGR schätzt die CO2 - Speicherkapazitäten in Deutschland (ohne Nordsee) auf lediglich 4,42 - 8,3 Gigatonnen (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Energiewirtschaftliche Tagesfragen 4/2010.)

(Morgen, am 3.September: Der dritte und letzte Teil unserer Kritik am Energiegutachten)

Autor: Benjamin Borgerding

Zum Weiterlesen:

Energiegutachten der Bundesregierung, Teil 3

 

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