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Hochrisikoreaktoren sind eine Gefahr für ganz Europa!

Russisches Atom-Roulette in Osteuropa

Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind noch immer Reaktoren des Tschernobyl-Typs (RBMK-Reaktoren) in Betrieb. Dazu kommen mehrere Atomkraftwerke der Baureihe WWER 440/230, die kaum sicherer sind als die RBMK-Reaktoren. Der Weiterbetrieb dieser veralteten und unsicheren Atomanlagen stellt eine Gefahr für ganz Europa dar. In der Gesamtbilanz hat sich das Risiko durch Atomreaktoren sowjetischen Bautyps sogar noch vergrößert: Heute sind über 60 Atomkraftwerke in Osteuropa und Russland in Betrieb.
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Inhalt
    Atomkraftwerke sowjetischer Bauart: veraltet und instabil
    1. Bilanz Hochrisikoreaktoren
    2. Spezifische Sicherheitsdefizite von Atomreaktoren sowjetischen Bautyps
        2.1. RBMK-Reaktoren ("Tschernobyl"-Typ), z.B. Ignalina (LIT) oder Sosnowi Bor (RUS)
        2.2. WWER-Reaktoren
        2.2.1. WWER 440/230, z.B. Kosloduj (BUL) oder Bohunice (SK)
        2.2.2. WWER 440/213, z.B. Dukovany (CZ) oder Paks (HUN)
        2.2.3. WWER 1000, z.B. Temelin (CZ)
        2.3. Schneller Brüter: BN-600 in Bjelojarsk (RUS)
    3. Sicherheit gegen Geld! Beitrittskandidaten und EU pokern um Hochrisikoreaktoren
        3.1. Slowakei: Bohunice 1 und 2 (V-1)
        3.2. Bulgarien: Kosloduj 1 bis 4
        3.3. Litauen: Ignalina 1 und 2

Atomkraftwerke sowjetischer Bauart: veraltet und instabil

Der Weiterbetrieb der veralteten und technisch äußerst instabilen Atomkraftwerke sowjetischen Bautyps in Osteuropa ist auch auf den mangelnden politischen Willen der Europäischen Union zurück zu führen. Schon 1992 haben die EU-Regierungschefs auf dem G7-Gipfeltreffen in München festgestellt,

  • dass die Sicherheit aller Kernkraftwerke sowjetischer Bauart Anlass zu großer Sorge gibt,
  • dass die betroffenen neuen Staaten der Sowjetunion und die Länder Mittel- und Osteuropas der Beseitigung dieser Gefahr hohe Priorität einräumen müssen,
  • dass ein multilaterales Aktionsprogramm der G7-Staaten die Länder dabei auch finanziell unterstützen soll,
  • dass Hochrisikoreaktoren durch die Entwicklung von Energiealternativen ersetzt werden müssen.

Bei den kritisierten Atomreaktorkonzepten handelt es sich um Siedewasserreaktoren (RBMK) des Tschernobyl-Typs, Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart (WWER) und den natrium-gekühlten Schnellen Brüter. RBMK-Reaktoren und die ältesten WWER-AKWs der Baulinie 440/230 gelten als technisch nicht nachrüstbar. Auch die übrigen sowjetischen Atomkraftwerkstypen erfüllen keine im Westen üblichen Sicherheitsstandards.

1. Bilanz Hochrisikoreaktoren

Von den als besonders gefährlich eingestuften Atomkraftwerken der Baureihen RBMK (Tschernobyl-Typ) und WWER 440/230 waren 1992 in Osteuropa 28 Reaktorblöcke in Betrieb (19 RBMK's und neun 230er Reaktoren). Zehn Jahre später sind immer noch 22 dieser tickenden Zeitbomben am Netz (13 RBMKs und neun 230er). Allein die drei nach dem Super-GAU 1986 in der Ukraine übrigen Tschernobyl-Blöcke und drei kleine 100 MW RBMK-Reaktoren zur Erzeugnung von waffenfähigem Plutonium in Troitsk/Russland wurden in den vergangenen zehn Jahren abgeschaltet - der letzte Tschernobyl-Block wurde erst am 15.12.2000 endgültig stillgelegt. Stattdessen will Russland mit Kursk-5 noch im Jahr 2002 einen weiteren RBMK-Reaktor neu ans Netz gehen lassen. Auch ein weiterer Schneller Brüter ist in Bjelojarsk in Bau.

Anstatt der - im Jahr 1992 insgesamt in Osteuropa betriebenen - 66 Reaktoren sowjetischen Bautyps laufen dort heute, 10 Jahre später, sogar 68 Atomkraftwerke. Nach dem Zerfall der Sowjetunion betreibt Russland heute 30 Atomkraftwerksblöcke (1992: 31), die Ukraine 13 (15) und Armenien 1 (0). Von den EU-Beitrittsstaaten Osteuropas sind in der Tschechischen Republik derzeit sechs AKW-Blöcke am Netz (1992: 4), in der Slowakei ebenfalls sechs (4), in Ungarn vier (4), in Bulgarien sechs (6), und in Litauen zwei (2). Neun Reaktorblöcke sind in Osteuropa unmittelbar im Bau (Russland 5, Ukraine 2, Slowakei 2), zahlreiche, zeitweilig unterbrochene Bauvorhaben stehen vor der Wiederaufnahme, und allein Russland hat angekündigt, bis 2010 zusätzliche sechs Reaktorblöcke fertigzustellen und bis 2020 noch einmal 26 Atomkraftwerke bauen zu wollen (vgl. Länderübersicht).

Das Risiko eines atomaren Super-Gaus mit weitreichenden Folgen hat sich trotz aller Stilllegungsforderungen seitens der EU und trotz aller Stilllegungsankündigungen seitens der osteuropäischen Staaten in den letzten zehn Jahren noch vergrößert. Fast alle Atomkraftwerke sowjetischen Bautyps bieten keinerlei konstruktiven Schutz gegen Flugzeugabstürze - von Terroranschlägen, gegen die kein AKW auf der Welt nachgerüstet werden kann, ganz zu schweigen.

Obwohl der armenische Reaktor Metsamor WWER 440/270 eine extra verstärkte 440er Version darstellt, gilt dieses Atomkraftwerk als das gefährlichste Europas: Es liegt in einem der erdbebengefährdetsten Gebiete der Welt. Von jedem Unfall in einem der Hochrisikoreaktoren wäre analog zur Tschernobyl-Katastrophe ganz Europa betroffen.

2. Spezifische Sicherheitsdefizite von Atomreaktoren sowjetischen Bautyps

2.1. RBMK-Reaktoren ("Tschernobyl"-Typ), z.B. Ignalina (LIT) oder Sosnowi Bor (RUS)

Die Abkürzung RBMK steht für reaktor bolchoj moschtschnosti kipjaschtschij (Siedewasserreaktor großer Leistung). Dahinter verbirgt sich ein graphitmoderierter Siedewasser-Druckröhrenreaktor. Der 1986 explodierte Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl gehört zu dieser gefährlichsten und unsichersten Reaktorlinie. RBMK-Reaktoren haben gravierende Auslegungsmängel und gelten als nicht nachrüstbar auf westliches Sicherheitsniveau.

  • Keine Schutzhülle (Containment), die im Fall eines Lecks die Freisetzung von Radioaktivität verhindert
  • Erhebliche radioaktive Emissionen im Normalbetrieb
  • Die atomare Kettenreaktion wird von leicht brennbarem Graphit moderiert (Neutronen abgebremst). Bei Unfällen kann das Graphit in Brand geraten und den Reaktor damit völlig außer Kontrolle geraten lassen.
  • Gleichzeitig sind sämtliche Kühl- und Brandschutzsicherheitseinrichtungen mangelhaft ausgelegt und können gleichzeitig ausfallen.
  • RBMK-Reaktoren sind stark überaktiv ausgelegt, d.h., dass sich die Kettenreaktion bei auftretendem Kühlwasserverlust sogar noch beschleunigt.
  • Zur Steuerung der Kettenreaktion sind sehr viele Regelstäbe notwendig, die schon den Normalbetrieb äußerst kompliziert werden lassen.
  • RBMK-Reaktoren widerlegen am offensichtlichsten die von Betreiberseite vorgetragene Mär von einer Trennung in zivile und militärische Nutzung der Atomkraft.

Das hochgefährliche RBMK-Design entsprang dem Wunsch der sowjetischen Militärs, jederzeit und möglichst schnell an waffenfähiges Plutonium herankommen zu können. Der RBMK-Typ ermöglicht es, die plutoniumhaltigen Brennelemente ohne Herunterfahren des Reaktors im laufenden Betrieb auszutauschen.

Auf dem heutigen russischen Staatsgebiet befinden sich elf RBMK-Reaktor-Blöcke mit je 1.000 MW (Kursk 1-4, Sosnowi Bor 1-4, Smolensk 1-3) und vier mit je 12 MW in Betrieb (Bibilinsk 1-4). Litauen betreibt am Standort Ignalina zwei RBMK-Einheiten, deren Schließung von der EU als Voraussetzung für Litauens Beitritt gefordert wurde.

2.2. WWER-Reaktoren

Die WWER-Reaktorlinie (Wasser-Wasser-Energiereaktor) ist vergleichbar mit westlichen Druckwasserreaktoren der 60er (WWER-440) und 70er Jahre (WWER-1000). Diese Typen wurden auch in ehemalige Ostblockländer exportiert.

2.2.1. WWER 440/230, z.B. Kosloduj (BUL) oder Bohunice (SK)

Die WWER 440/230-Reaktoren wurden von 1956 bis 1972 hergestellt und sind damit die ältesten Druckwasserreaktoren sowjetischen Designs. Die EU betont in der Agenda 2000 - Eine stärkere und erweiterte Union am 15.7.1997, dass dieser Reaktortyp nicht auf das erforderliche Sicherheitsniveau gebracht werden kann.

  • Keine Schutzhülle (Containment), die im Falle eines Lecks ein Ausweichen von Radioaktivität verhindert
  • In Notfällen keine ausreichende Kühlmöglichkeit für den Reaktorkern, was die Fähigkeit zur Verhinderung einer Kernschmelze stark einschränkt. Grundlegender, sicherheitsrelevanter Konstruktionsfehler (Riss vor Bruch): Das freie Volumen für die Verdampfung radioaktiven Kühlwassers entspricht bei diesem Reaktortyp dem Bruch einer Kühlwasserleitung NW 100. Die Hauptkühlwasserleitung ist aber NW 500. Damit entweichen bei einem Bruch dieser Leitung große Mengen radioaktiven Dampfes in die Umgebung. Deshalb wurde für diese Leitung eine Stahlsorte gewählt, bei der von der Theorie her vor dem Bruch dieser Leitung Risse entstehen. Sobald diese in Form von Lecks festgestellt werden, ist das entsprechende Leitungsteil auszuwechseln.
  • Fehlerhaftes Steuerungs- und Kontrollsystem
  • Ernsthafte Defizite beim Brandschutz

Aus diesen Gründen fordert die EU von Beitrittsländern, in denen WWER 440/230-Blöcke betrieben werden, deren vorzeitige Stilllegung. Dies betrifft die Blöcke Kosloduj 1 bis 4 in Bulgarien und Bohunice 1 bis 2 in der Slowakei. Die Nichtnachrüstbarkeit von WWER 440/230-Reaktoren wurde schon im Juni 1989 vom Präsidenten des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) der DDR, Sitzlack, in Bezug auf die Reaktoren 1 bis 4 des Atomkraftwerks Greifswald festgestellt.

2.2.2. WWER 440/213, z.B. Dukovany (CZ) oder Paks (HUN)

Obwohl in der ab 1970 gebauten nächsten Generation von WWER-Reaktoren einige Designfehler der 230er-Serie behoben wurden, sorgen weiterhin schwerwiegende Konstruktionsmängel dafür, dass auch dieser Typ ein high risk reactor bleibt.

  • Keine Schutzhülle (Containment), die den Austritt von Radioaktivität bei einem Unfall verhindert. Statt eines für moderne Reaktoren vorgeschriebenen Volldruck-Containments ist hier lediglich ein sogenanntes Druckabbausystem verbaut worden, dessen Wirkungsweise nie getestet wurde und das Flugzeugabstürzen auf keinen Fall Stand hält.
  • Das Kühlsystem für den Reaktorkern ist immer noch 10- bis 15mal weniger zuverlässig ausgelegt, als bei westlichen Reaktoren.
  • Kein ausreichender Brandschutz
  • Die Kraftwerksturbinen sind z.T. so angeordnet, dass bei einem Schaden wichtige Leitungen zerstört werden.
  • Durch Materialermüdung treten Versprödungsrisse und Lecks auf.
  • Als Doppelblockanlagen (z.B. Bohunice V-2) gebaut, verfügen zwei Reaktoren oft nur über ein gemeinsames Notsystem.

WWER 440/213-Reaktoren befinden sich direkt in Mitteleuropa (z.B. Slowakei: Bohunice V-2, Mochovce 1-4; Tschechische Republik: Dukovany 1-4; Ungarn: Paks 1-4).

2.2.3. WWER 1000, z.B. Temelin (CZ)

Die jüngsten Reaktoren der WWER-Serie besitzen das gleiche Reaktordruckgefäß wie der 440er, fahren aber mit höherer Leistungsdichte (1.000 MW). Das führt dazu, dass dieser Reaktor schneller und stärker auf Pannen und Probleme reagiert und bei einem Unfall auch mehr Radioaktivität freigesetzt werden kann. Die 1.000er lassen sich nur mit erheblichem Aufwand auf ein höheres Sicherheitsniveau bringen. Bei schweren Störungen haben sie dennoch weniger Sicherheitsreserven als die WWER 440/213.

  • Steuerungs- und Kontrolltechnik, Notstromaggregate und Reaktorschutzsysteme rangieren unter westlichem Standard. Die amerikanische Export-Import Bank stellt im Hinblick auf das Atomkraftwerk im tschechischen Temelin fest: Alle kamen zu dem Schluss, dass die sowjetischen Steuerungs- und Kontrollsysteme nicht entsprechend sind und die Sicherheit beeinträchtigen.
  • Die Konstruktion reduziert die Möglichkeiten zur Inspektion und zum Austausch wichtiger Komponenten.
  • Brandschutz und Schutzmaßnahmen für die Bedienungsmannschaft sind mangelhaft.

WWER 1000-Reaktoren stehen z.B. im tschechischen Temelin. Fast alle in Bau befindlichen Reaktoren in Russland gehören zu dieser Baureihe.

2.3. Schneller Brüter: BN-600 in Bjelojarsk (RUS)

In einem Schnellen Brüter wird die Kettenreaktion durch schnelle Neutronen aufrecht erhalten und mehr spaltbares Material erzeugt, als während des Prozesses verbraucht wird. So die Theorie. Atomwissenschaftler waren bis in die 80er Jahre von der Vorstellung fasziniert, mit der Brütertechnik einen abgeschlossenen Brennstoffkreislauf zu erschließen, in dem kaum noch Atommüll anfällt. In den kompakten Reaktorkernen ist die Wärmeenergie-Erzeugung so stark, dass ein Schneller Brüter nicht mehr mit Wasser, sondern nur noch mit Hilfe von Flüssigmetall, z.B. Natrium, gekühlt werden kann. Ein System, in dem Tausende Tonnen Natrium und Wasser zirkulieren, muss aber völlig leckgeschützt sein, da jeder Kontakt zwischen Natrium und Wasser zu Explosionen und Feuer führt. Ein fast alltäglicher Kühlmittelverlust in einem normalen AKW würde in einem Schnellen Brüter sofort zur Katastrophe führen. In Bjelojarsk in Zentralrussland ist eine Anlage dieser Art mit 600 MW Leistung in Betrieb: der BN-600. Trotz der Risiken will Russland eine zweite Anlage, Bjelojarsk 4, errichten und die Brütertechnologie weiter verfolgen.

3. Sicherheit gegen Geld! Beitrittskandidaten und EU pokern um Hochrisikoreaktoren

In den sieben mittel- und osteuropäischen Ländern, die einen EU-Beitritt anstreben, befinden sich insgesamt acht restlos veraltete Reaktoren des Tschernobyl-Typs RBMK und der ersten Generation der sowjetischen Druckwasserreaktoren:

  • die beiden V-1-Reaktoren in Bohunice in der Slowakei (WWER 440/230),
  • Ignalina 1 und 2 in Litauen (RBMK-Typ Tschernobyl) und
  • Kosloduj 1 bis 4 in Bulgarien (WWER 440/230).

Sowohl Litauen als auch Bulgarien haben Vereinbarungen mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE; englische Abkürzung: EBRD) unterzeichnet, die zu einer schnellen Schließung dieser Reaktoren führen sollten. Die Europäische Kommission stellt zwar fest, dass die Einhaltung der Vereinbarungen eine Voraussetzung für den EU-Beitritt der drei Staaten sei, doch heute erweist sich dieses Statement als Makulatur. Die Schließungszusagen haben nicht zur Abschaltung eines einzigen Reaktors geführt. Im Gegenteil: Die Gelder, die durch diese Vereinbarungen mobilisiert wurden, halfen teilweise sogar, die Laufzeit der gefährlichen Reaktoren zu verlängern. Der Poker Sicherheit gegen Finanzhilfe lässt mit jedem weiteren Betriebsjahr der Hochrisikoreaktoren die Gefahr eines katastrophalen Unfalls größer werden!

3.1. Slowakei: Bohunice 1 und 2 (V-1)

Die Slowakei ging 1994 die Verpflichtung ein, Bohunice V-1 im Jahr 2000 zu schließen - eine Zusage, die im April 1999 wieder zurückgenommen wurde. Für die beiden ersten Bohunice-Blöcke wird inzwischen 2006 bzw. 2008 als Stilllegungsdatum gehandelt. Die Atomwirtschaft selbst sieht die Verbesserungsmaßnahmen in Bohunice als abgeschlossen und die internationalen Sicherheitsstandards als erfüllt an. Von einer vorzeitigen Stillegung ist nicht mehr die Rede.

3.2. Bulgarien: Kosloduj 1 bis 4

Der Betrieb der vier ältesten Kosloduj-Reaktoren wird vom US Department of Energy als höchst riskantes Glücksspiel beschrieben. Experten der atomfreundlichen Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) stellen bei einer Sicherheitsüberprüfung im Juni 1991 erhebliche Sicherheitsmängel fest, sowohl was den technischen Zustand als auch die Betriebsführung angeht. Ihrer Empfehlung zufolge sei es nicht ratsam, die Kosloduj-Blöcke 1-4 weiter zu betreiben. Im gleichen Jahr erlaubt der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) den Verkauf von Ersatzteilen aus den stillgelegten baugleichen Greifswald-Reaktoren der ehemaligen DDR ins bulgarische Kosloduj - angeblich als Nothilfe zur sicheren Stilllegung der tickenden Zeitbomben. Doch die Reaktoren bleiben am Netz.

1993 unterzeichnet die bulgarische Regierung eine Vereinbarung mit der EBRD über einen Kredit in Höhe von 24 Mio. ECU, der für kurzfristige Sicherheitsverbesserungen der Blöcke 1 bis 4 von Kosloduj und die Entwicklung alternativer Energieprojekte verwendet werden soll. Die Blöcke 1 und 2 sollen Ende 1997 und die Blöcke 3 und 4 1998 geschlossen werden. Ohne, dass irgendein Schritt in diese Richtung unternommen wurde, vereinbart die damalige bulgarische Regierung unter Iwan Kostowin im November 1999 schließlich in einem neuen Abkommen mit der EU die Abschaltung der ersten beiden Kosloduj-Blöcke bis Ende 2002. Die jetzige bulgarische Regierung bekräftigt im Januar 2002, dass sie der Schließung von Block 1 und 2 vor 2003 zustimme und der EU-Forderung nach einer Schließung der Blöcke 3 und 4 im Jahre 2006 nachkommen werde.

Der bulgarische Energieminister Kovachev erklärt allerdings fast gleichzeitig, dass er jede Stilllegung vor 2008 für Block 3 und 2010 für Block 4 bekämpfen werde. Und der bulgarische Ministerpräsident Simon Sakskoburggotski kündigt im April 2002 gar an, als Ersatz für die abzuschaltenden Kosloduj-Blöcke den Bau der zwei WWER-1000 Blöcke auf der Donauinsel Belene wieder aufnehmen zu wollen. Das Projekt war u.a. deshalb auf behördliche Anordnung gestoppt worden, weil Belene in einem erdbebengefährdeten Gebiet liegt.

Die Hinhaltetaktik Bulgariens geht nur deshalb auf, weil sowohl die bulgarische Regierung als auch die EU keine ernsthaften Anstrengungen unternehmen, die geplanten Ersatzenergieprojekte abzuschließen. Als Resultat kann Bulgarien weiterhin behaupten, das Land sei auf Strom aus Kosloduj angewiesen und betreibt die Blöcke 1 bis 4 weiter, ohne die Bedingungen der EBRD-Vereinbarung zu brechen.

3.3. Litauen: Ignalina 1 und 2

Die EBRD-Vereinbarung aus dem Jahr 1994 beinhaltet kein exaktes Schließungsdatum für die beiden 1.500 MW RBMK-Blöcke, sondern stellt statt dessen fest, dass die Reaktoren geschlossen werden müssen, wenn ein sogenanntes Rechanneling notwendig werde. Beim Rechanneling wird de facto der Reaktorkern ausgetauscht. In RBMK-Reaktoren dehnt sich im Laufe der Zeit durch den Neutronenbeschuss der Nuklear-Brennstoff in den einzelnen Druckröhren aus. Dadurch verringert sich ein für die Kernspaltung notwendiger Luftspalt zwischen dem Kernbrennstoff und dem ihn abschirmenden Graphitmantel im Reaktorkern (gap closure). Schließt sich der Luftspalt nur an wenigen Stellen, ist der Betrieb des Reaktors nicht mehr kontrollierbar. Ein Rechanneling würde die Laufzeit von Ignalina um ungefähr 15 Jahre verlängern.

Die EU geht 1994 davon aus, dass Litauen diese aufwendige Investition nicht tätigen würde. Es folgt ein jahrelanger Streit darüber, wann die Maßnahme nötig sei, und Litauen stellt gar die Überlegung an, tatsächlich ein Rechanneling durchzuführen, um Ignalina für ein Dutzend weitere Jahre am Netz zu halten.

Nachdem die Europäische Kommission auf ihrem fünften Treffen mit der litauischen Regierung, Anfang 2002, 105 Millionen Euro für das Jahr 2004 und jeweils 70 Millionen Euro in den Jahren 2005 und 2006 an finanzieller Unterstützung für die Schließung Ignalinas garantiert, stimmt Litauen zumindest verbal der Abschaltung von Block 1 im Jahre 2005 zu. Während die EU auch die Schließung von Block 2 bis 2009 fordert, will Litauen lieber im Jahr 2004 noch einmal neu über das Schließungsdatum verhandeln. Litauen strebt den EU-Beitritt im Jahre 2004 an.

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