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Die Tschernobyl-Ruine - Erbe für Generationen

Der explodierte Atomreaktor von Tschernobyl stellt eine akute Gefahr dar. Unmittelbar nach dem Desaster wurde er überstürzt mit einem Beton- und Stahlmantel umhüllt. 2006 galt dieser sogenannte Sarkophag als einsturzgefährdet. Greenpeace-Atomexperte Tobias Münchmeyer beantwortet Fragen zum Zustand des Sarkophags.
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Online-Redaktion: In welchem Zustand befindet sich der Tschernobyl-Sarkophag heute?

Tobias Münchmeyer: In den Jahren 2004 bis 2006 sind umfangreiche Stabilisierungsarbeiten vor allem am Dach und an der Westwand des Sarkophags durchgeführt worden. Diese sehr schwierigen und gefährlichen Arbeiten wurden von 2.500 Arbeitern durchgeführt und haben 50 Millionen US-Dollar gekostet. Hauptsächtlich ging es darum, 80 Prozent der Dachlast von zwei zunehmend instabilen Stahlträgern des Sarkophags auf neue, außen angebrachte Stützgerüste zu verlagern. Außerdem sind die Strukturen, die den Kamin der Entlüftungsanlage tragen, verstärkt worden. Diese Stabilisierungen gelten als vorerst geglückt. Außerdem wurden Decke und Westwand gegen Strahlung von innen und Wasserzuflüsse von außen abgedichtet.

Online-Redaktion: Wird regelmäßig kontrolliert, was sich innerhalb des Sarkophags abspielt?

Tobias Münchmeyer: Im Zuge der Stabilisierungsarbeiten sind auch Strahlen-Überwachungssysteme und ein Staub-Kontrollsystem im Inneren des Sarkophags installiert und in Betrieb genommen worden.

Online-Redaktion: Wie hoch ist die Strahlung, die nach außen dringt?

Tobias Münchmeyer: Ich war vor einem Jahr zuletzt dort und befand mich in über 250 m Abstand vom Sarkophag. Dort lag die Strahlendosis bei 4 bis 8 Mikrosievert pro Stunde. Das ist etwa das Hundertfache der normalen Hintergrundstrahlung.

Die Strahlung ist in vielen Bereichen des Sarkophags unglaublich hoch - angeblich bis zu 34 Sievert pro Stunde. Das wäre auch bei einem kurzen Aufenthalt absolut lebensgefährlich.

Online-Redaktion: Wird aktuell noch etwas gegen die akute Gefahr getan, die von der Ruine ausgeht?

Tobias Münchmeyer: Die kurzfristige Stabilisierung und Abdichtung ist abgeschlossen. Man hofft, dadurch etwa 15 Jahre Zeit gewonnen zu haben, also dass der Sarkophag bis mindestens 2021 stabil ist. Und dass bis dahin die große Hülle, das New Safe Confinement (Neue Sichere Sperre), über den Sarkophag gestülpt ist, die ihn zumindest für 100 Jahre oberirdisch komplett abschirmen soll.

Online-Redaktion: Wie weit sind die Pläne für diese neue Schutzhülle gediehen, die über den alten Sarkophag geschoben werden soll?

Tobias Münchmeyer: Diese Pläne werden weiter verfolgt. Unter anderem sollen neben französischen und ukrainischen Firmen auch die deutschen Firmen Nukem und HochTief in dem Konsortium sein. Das Projekt ist aber jetzt schon um Jahre verzögert. Es handelt sich allerdings auch um die größte technisch bewegbare Struktur (150 x 250 Meter), die jemals auf der Erde gebaut worden ist. Ein ingenieurstechnisches Jahrhundertprojekt. Geschätzte Kosten: 1,6 Milliarden US-Dollar. Die Bauzeit wird auf 4 bis 6 Jahre geschätzt.

Aber selbst wenn das Projekt eines Tages gelingen sollte: Es bliebe die große Sorge, dass sich Radionukleide in großen Mengen über das Grundwasser aus dem Reaktor in die Umwelt ausbreiten können.

Online-Redaktion: Gibt es Langzeitoptionen für den Umgang mit dem verseuchten Reaktor?

Tobias Münchmeyer: Die ukrainische Regierung und die internationalen Geldgeber - darunter die Bundesregierung - hoffen, dass das New Safe Confinement die Möglichkeit eröffnet, den Sarkophag abzubauen und den kompletten Reaktor samt geschmolzenem Kernbrennstoff zu entsorgen. Ob das möglich sein wird, weiß heute niemand.

Und selbst wenn: Wo und wie diese riesige Menge hochradioaktiven Atommülls endgelagert werden soll, bleibt völlig offen. Diese Frage ist ja international ungelöst. Es gibt nicht ein einziges Endlager für solchen Müll in der ganzen Welt, wie wir aus der Gorleben-Debatte in Deutschland wissen. Tschernobyl ist eine Katastrophe ohne Ende.

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