Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Bericht aus einer belagerten Provinz

Castoren im Wendland

Im November 2002 rollen Castor-Behälter mit hochradioaktivem Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben. Diesmal im 12er Pack. Trotz großer Risiken, trotz Protesten der regionalen Bevölkerung, trotz ungeklärter Sicherheitsfragen der Behälter, trotz der mangelnden Eignung des Salzstockes Gorleben als atomares Endlager werden in Gorleben Fakten geschaffen.
  • /

Die Bundespolitiker, Abgeordnete wie Minister, halten auffällig den Mund. Es scheint so, als sei ihnen die Angelegenheit peinlich. Statt Politik im Interesse der Menschen und des Rechts auf körperliche Unversehrtheit zu betreiben, wird die Polizei geschickt. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg ist in diesen Tagen im Belagerungs- und Ausnahmezustand. Die Politik wähnt sich offensichtlich in dem Glauben, das ungeklärte Problem der atomaren Abfälle in Gorleben begraben zu können. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, dieses Vergessen und dieses Wegschauen nicht zuzulassen.

Samstag, 9. November 2002

Trotz schlechten Wetters finden sich letztendlich an der Endlagerbaustelle in Gorleben gut 4000 Demonstranten und 100 Traktoren zur Protestkundgebung gegen die anstehenden Castortransporte und das Endlagerprojekt ein. Jung und alt sind bester Stimmung. Die Polizei hält sich zurück. Trotzdem, alle Zufahrtstraßen, Wald- und Feldwege sind entlang der Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg und der Straßentransportstrecke fest im Griff von Polizei und Bundesgrenzschutz. Wer von Jameln nach Hitzacker will, um die Oma zu besuchen, muss mit einer intensiven polizeilichen Kontrolle rechnen, wenn die Castortransportstrecke gekreuzt wird. Der Sport in den Schul-Sporthallen in Hitzacker und Dannenberg ist seit Freitag untersagt, um Besetzungen durch Schüler oder Castordemonstranten zu verhindern.

Die Gefangenensammelstelle in Neutramm ist hergerichtet. In Containern und großen Käfigen können Gefangene festgehalten werden. Beim letzten Castortransport im November 2001 wurden dort über 2100 Demonstranten festgesetzt.

Sonntag, 10. November 2002

Das Wendland spielt verrückt. Überall entlang der Transportstrecke werden neue Dörfer gegründet. Alt Bräsig, Neu Sagrotan oder Pieseldamm sind einige dieser Dorfbezeichnungen. Die Polizei droht phasenweise die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. In Splietau wird ein Traktor mit gezogener Pistole an der Weiterfahrt gehindert. In Klein Gusborn fährt ein Polizeifahrzeug bewußt in eine Menschenmenge. Dabei wird eine Person am Fuß überfahren und eine zweite Person landet auf der Kühlerhaube.

Beeindruckend das Mahnmal aus Betonkreuzen vor der Ortschaft Klein Gusborn. Hier wurde für jeden Bundestagsabgeordneten ein Betonkreuz errichtet. Namen und Geburtsdatum findet man auf einem kleinen Messingschild am jeweiligen Kreuz. Traktoren haben sich im Kreis um dieses Mahnmal aufgestellt, während ein örtlicher Pfarrer eine Feldandacht hält. Er appelliert angesichts der Kreuze noch einmal eindringlich an die Politiker, ihre Verantwortung wahr zu nehmen und sie nicht in Gorleben zu Grabe tragen zu lassen.

Dabei geht mir mein zufälliges Gespräch einige Tage zuvor mit einem ranghohen Politiker aus Berlin durch den Kopf. Auf meine Frage, was in Sachen Gorleben politisch noch zu bewegen sei, antwortete er sinngemäß: De facto sind alle Entscheidungen getroffen. Niemand hat Interesse an einer alternativen Standortsuche zu Gorleben. Diesen Ärger will niemand. Nur im Moment will dies keiner so offen sagen. Ich fange an, das Schweigen der Politik beim Stichwort Gorleben zu begreifen.

In Splietau haben sich die Aktivisten von X-tausendmal-quer auf der Straße häuslich niedergelassen. Sie sagen, sie seien auf Wanderschaft. Gegen den kalten Asphalt sind alle mit einem kleinen Strohsack als Sitzkissen ausgestattet.

Das flächendeckende Demonstrationsverbot der Bezirksregierung wird an diesem Sonntag nicht wirklich beachtet. Den Menschen in der Region ist offensichtlich mit Obrigkeitsstaatlichkeit nicht richtig beizukommen. Welch ein Polizeiaufwand wird hier getrieben, um die Menschen von ihrem Demonstrationsrecht, von ihrem Recht auf Widerstand gegen die atomare Bedrohung abzuhalten!

An einer kleinen Straßenkreuzung, weit weg von der Transportstrecke, wird das Überqueren der Vorfahrtstraße zu einem Geduldsspiel. Normalerweise fahren hier vielleicht zehn Autos in der Stunde, jetzt heißt es geduldig warten, bis die Polizeikolonne von links und die Polizeikolonne von rechts die Kreuzung passiert haben.

Am Abend auf dem Heimweg sieht man am Horizont - dort wo normalerweise nur sternenklarer Himmel zu sehen ist, so weit das Auge reicht, nur Blaulichtkolonnen. In den nächsten Tagen soll dieser Belagerungszustand sich noch verstärken.

Montag, 11. November 2002

Auf der Fahrt von Lüneburg nach Dannenberg kommen immer mehr Fahrzeuge von Polizei und Bundesgrenzschutz entgegen. 100 zähle ich allein auf den ersten zwanzig Kilometern, dann lasse ich es sein. Die ersten und fast einzigen Demonstranten entlang der Landstraße sind zehn Kinder in Metzingen. Im Nachklapp zur Stunk-Parade, die die Erwachsenen mit ihren Treckern am Vormittag in Hitzacker veranstaltet haben, schieben sie kleine Spielzeugtraktoren hinter einem Castor-Plakat neben der Landstraße her und schauen stolz auf die staunenden Autofahrer. In den Wäldern hinter Goehrde und Metzingen stehen Wasserwerfer und Räumfahrzeuge im Gehölz, Polizei und Bundesgrenzschutz lugen aus Feldwegen hervor, führen Fahrzeugkontrollen durch oder fahren in immer neuen Blaulicht-Kolonnen langsam von und nach Dannenberg.

Dort, in Dannenberg am Verladebahnhof, steht sich die Polizei fast schon selbst im Weg - das Gelände ist vollgepflastert mit Einsatzfahrzeugen und Mannschaften, die hin und herfahren und Passanten kontrollieren. Auf dem Bahnhof, der wie die gesamte Transportstrecke seit Tagen hell erleuchtet ist, stehen bereits die zwölf Hüllen für die Castor-Behälter auf Tiefladern bereit, in denen der Atommüll auf der Landstraße nach Gorleben gebracht werden soll. Davor auf einer eigens errichteten Tribüne und im weißen Haus an den Gleisen haben Fernsehteams sich die besten Plätze gesichert. Sie werden das ab Mittwoch Nacht erwartete Umladen der Castoren von der Schiene auf die Tieflader von ihrem Logenplatz aus in die deutschen Wohnzimmer übertragen.

Am Morgen wurde die Allgemeinverfügung der Bezirksregierung vom Gericht in Lüneburg bestätigt: im Umkreis von 500 Metern um den Verladebahnhof und 50 Meter beidseits der Transportstrecke ist der Aufenthalt verboten. Gestern noch ließ die Polizei Castor-Gegner in Groß-Gusborn einen Fahrstreifen friedlich betreten - heute war dieselbe Protestaktion bereits verboten und wurde von der Polizei kurzerhand - ohne Gegenwehr - aufgelöst.

Die Demonstranten nehmen die Verbote gelassen und reagieren mit einer Karnevalsveranstaltung. Unter dem Motto De Zoch kütt marschieren sie in Masken und Kostümen vor dem Bahnhof in Dannenberg auf und lassen Stroh und Federn auf ihre zahlreichen unfreiwilligen Zuschauer in Uniform niederprasseln. Am Abend dann wieder eine Kundgebung in Dannenberg, auf der ein Manifest prominenter Schauspieler verlesen wird: Wenn die Politik nicht weiter weiß, schickt sie die Polizei, heißt es in der Erklärung von Götz George, Hannelore Elsner, Detlev Buck, Leander Haußmann und anderen Künstlern. Ein Pfarrer sinniert angesichts der Uneinsichtigkeit der Politik in Anlehnung an Bonhoeffer über strukturelle Dummheit, der noch viel schwieriger beizukommen sei als simpler Bosheit.

Zu diesem Zeitpunkt - um 19.25 Uhr - starten die 12 Castor-Behälter im französischen La Hague zu ihrer Reise nach Deutschland: rund 130 Tonnen hochradioaktiver Atomüll, über Jahrzehnte in Deutschland produziert, erst nach Frankreich gekarrt und jetzt wieder nach Deutschland verfrachtet, ohne dass irgend jemand sagen kann, wo er sicher und dauerhaft gelagert werden soll. Das national wie weltweit ungelöste Problem der Atommüll-Endlagerung wird von der Bundesregierung kurzerhand zum Problem einer Region erklärt und dorthin abgeschoben. Den Menschen im Wendland wird ein Problem aufgehalst, das nicht das ihre ist, sondern das Ergebnis einer Jahrzehnte langen kurzsichtigen und verantwortungslosen Atompolitik. Die eigentlich Verantwortlichen und Profiteure dieser Politik, die Atomkraftwerke betreibenden Energieversorgungsunternehmen E.ON, RWE oder EnBW bleiben in diesen Tagen völlig im Dunkeln. Die Politik hat sich jahrzehntelang vor deren Karren spannen lassen und lässt jetzt wegen eigener Sprachlosigkeit die Polizei die Suppe auslöffeln.

Später am Abend veranstalten Demonstranten noch ein Fußballspiel auf einem Acker bei Splietau - eingerahmt von einem Spalier von rund 60 Polizeibeamten und taghell erleuchtet von zahlreichen Scheinwerfern ringsherum. Kurz darauf, in einem Imbiss in Lüchow, kommentiert ein Gast die immer neuen Fahrzeugkolonnen, die mit Blaulicht die Hauptstraße entlang fahren, mit den Worten: Alles in allem finde ich es sehr beruhigend, dass so viele Polizisten hier sind - wegen der Terroristen. Die Bedrohung durch ungesicherten Atommüll in der unmittelbaren Nachbarschaft ist für manchen offenbar schwerer fassbar als die Angst vor der sagenumwobenen Al Quaida.

Dienstag, 12. November 2002

Kleine Menschenansammlungen hier, Debatten am Wegesrand dort. Die Demonstranten sind wieder den ganzen Tag präsent entlang der Castor-Transportstrecke. Auf der abendlichen Kundgebung in Dannenberg mit rund 2.000 Teilnehmern ist die Stimmung gut. Überhaupt sind die Menschen seit Tagen in guter Laune. Es macht ihnen sichtlich Spaß, sich trotz allgemeiner Demonstrationsverbote das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit nicht nehmen zu lassen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht sind die Wendländer auf der Straße. Abgesehen von einigen Zwischenfällen am Sonntag, als ein Polizist seine Pistole zog und ein Polizeiwagen in eine Demonstrantengruppe fuhr, hat es keine bösen Zwischenfälle zwischen Polizei und Demonstranten gegeben. Das Konzept der Bürgerinitiative, sich trotz erdrückender Polizeiübermacht nicht provozieren und den Spaß am Widerstand gegen die Atommülltransporte und die Atompolitik nicht nehmen zu lassen, scheint zu greifen.

Als Beobachter ist man schon erstaunt, woher diese Menschen seit nunmehr 25 Jahren die Kraft nehmen, sich immer wieder gegen das scheinbar Unaufhaltsame zu widersetzen. Neben aller politischen Klarheit und dem Bewusstsein über die unbeherrschbaren Risiken der Atomenergienutzung ist es vor allem wohl die Verbundenheit mit der eigenen Region hier im Wendland mit all seinen liebenswerten Besonderheiten. Ganz kurz klingt es am Abend durch, als der Sprecher der Bürgerinitiative bekannt gibt, dass der Zug mit den zwölf Castoren seit dem Nachmittag in Deutschland ist und sich jetzt auf dem Weg in unsere Heimat befindet. Man hat das Gefühl, die Menschen auf der Kundgebung holen tief Luft und machen das Kreuz gerade.

Tagsüber hat sich das Demonstrationsgeschehen vor allem auf eine Menschenansammlung unter der Bahnbrücke bei Hitzacker konzentriert. Einige Hundert Demonstranten und rund 20 Traktoren befinden sich hier auf der Straße. Bei näherem Besehen ist jedoch nicht eindeutig, wer was will. Die Bauern wollen weiterfahren, die Polizei lässt sie allerdings über Stunden nicht weiterkommen.

Überhaupt wirkt die Polizei mit ihrem immensen Aufgebot am heutigen Tage besonders deplatziert und martialisch angesichts friedfertiger und gut gelaunter Demonstranten.

Für die Journalisten hat die Polizei jetzt in ihrem bürokratischen Übereifer einen Sonderausweis kreiert. Eine so genannte Durchlasshilfe auf weißem Papier in Folie eingeschweißt als DIN-A5-Format und mit einem weißem Band zum Umhängen versehen.

Vollends lächerlich macht sich eine Polizeieinheit aus Bamberg, als sie von hinten mit ihrer Kolonne inklusive dreier Gefangenenbusse in die bestehende Menschenansammlung fährt. Sie hat sich verfahren und muss sich jetzt in einer über eine Stunde dauernden Aktion rückwärts wieder aus der Affäre ziehen. Da habt ihr ja eine schöne Nullnummer hingelegt, bemerkt ein Demonstrant keck am Wegesrand. Ja, die kurze Antwort des angesprochenen Polizisten.

Am Abend nach der Kundgebung findet auf einem Acker bei Splietau an der Transportstrecke vor einigen hundert Zuschauern das Fußballrückspiel zwischen der bäuerlichen Notgemeinschaft und dem wendländischen Motorradclub statt. Das Flutlicht liefern von der einen Seite die Traktoren der Dorfneugründung Alt Bräsig und von der anderen Seite die Flutlichtmasten der Polizei.

Nach dem Spiel finden sich einige hundert Menschen zu einer Privatfeier in der Bahnhofstraße in Dannenberg ein. Am Lagerfeuer sitzen die Menschen im Garten wenige Meter vom Bahndamm entfernt, über den die Castoren rollen werden. Durch hoch aufgetürmte Natodrahtrollen von der Polizei getrennt. Private Feiern sind vom Versammlungsverbot nicht betroffen.

Im Laufe des Abends gibt es immer neue Nachrichten, wo sich der Atommüllzug gerade befindet. Am frühen Morgen soll er in Lüneburg eintreffen. Die Demonstranten werden mündlich und per SMS aufgefordert sich schlafen zu legen, damit sie für den eigentlichen Tag X noch ausreichend Kräfte haben.

Ein Bauer bringt sein Unverständnis über die Ungleichbehandlung in diesem Lande auf den Punkt. Er als Bauer muss für seinen Kuhmist einen Entsorgungsnachweis erbringen. Ohne den darf er seinen Kuhstall gar nicht betreiben bzw. müsste er seinen Betrieb zumachen. Das ist richtig und notwendig, sagt er. Aber warum dürfen RWE und E.ON Atommüll ohne Ende produzieren, wo die Entsorgung nicht geregelt ist? Diese Ungleichbehandlung ist maßlos arrogant und verantwortungslos, ruft der Bauer wütend seinen Zuhörern zu.

Mittwoch, 13. November 2002

In Mannheim hat der Castor-Zug seinen ersten unfreiwilligen Stop, nachdem sich Demonstranten an die Gleise gekettet hatten. Auch in Lüneburg und Hitzacker stellen sich Demonstranten dem Zug in den Weg. Größere Ausschreitungen bleiben aus - zur Enttäuschung so mancher Journalisten, die weniger zahlreich als in früheren Jahren erschienen waren. Nach der Politik verabschieden sich auch die Medien allmählich vom Dauerthema Castor. In der Gefangenensammelstelle Neutramm werden bis zum Ende des Transportes schließlich fast 300 Demonstranten sichergestellt.

Um der Bundespolitik in Erinnerung zu rufen, was gerade mal 150 Kilometer von Berlin entfernt passiert, fahren Greenpeace-Aktivisten am Vormittag zwölf Tieflader mit Castor-Attrappen vor die Bundesgeschäftsstelle der Grünen in Berlin-Mitte, um gegen die Atompolitik der rot-grünen Bundesregierung zu protestieren. Die Grünen reagieren mit Verständnis - es fragt sich nur, warum die Bundesregierung dann diese Vorgänge im Wendland zuläßt. Schuld sind offenbar immer die anderen und natürlich - die Sachzwänge.

Am Abend erreicht der Zug den Verladebahnhof Dannenberg, wo mit dem Umladen der 12 Container auf Tieflader begonnen wird. Der Verladebahnhof ist zur Festung geworden. Straßen und Feldwege im ganzen Umkreis sind gesperrt, der Verkehr staut sich an allen Ecken und Enden, der Horizont ist in Blaulichter getaucht. Auf einem Acker, zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt, findet wie jeden Abend ein Fußballspiel statt - diesmal aber ergeht nach Spielende die Aufforderung der Polizei, das Feld zu räumen. Hunderte leisten dem erst nach einer Stunde Folge, als die Polizei versucht, die Demonstranten einzukesseln, was aber misslingt. Dafür lassen die Beamten die Luft aus den rund 30 Treckern, die Bauern auf das Feld deutlich außerhalb der Verbotszone abgestellt hatten. 50 Meter Abstand werden von der Polizei mal so, mal anders ausgelegt.

Donnerstag, 14. November 2002

In der Nacht dann wird das kleine Dorf Laase erneut zum Nadelöhr, denn hierdurch führt die Straße nach Gorleben, die der Transport nehmen muss. Rund 2000 Castor-Gegner haben sich eingefunden, mehrere hundert sitzen auf der Straße. Die Polizei trägt sie fort und kesselt 800 Personen auf einem Feld neben der Straße stundenlang ein - bis der Castor in Gorleben ist, wird ihnen gesagt. Mit Saxophon, Tanz und Dauerläufen halten sich die Eingekesselten in der kalten Nacht bei Laune. Zwei WC-Häuschen werden aufgestellt, später darf ihnen auch Verpflegung gebracht werden. Um 6 Uhr 25, bei Tagesanbruch, startet der Transport schließlich in Dannenberg. Mit hohem Tempo rollen die Tieflader an den Demonstranten im Kessel vorbei, kurz vor halb acht erreicht der erste Castorbehälter das Zwischenlager Gorleben.

In Berlin ist man zu diesem Zeitpunkt mit ganz anderen Themen beschäftigt, dort geht es um Steuerausfälle und Haushaltslöcher. Die Menschen im Wendland haben jetzt 130 Tonnen hochradioaktiven Müll mehr in ihrer Wellblechhütte stehen. Von der Politik haben sie nichts Positives mehr zu erwarten. Mit jedem Transport wird das Endlager Gorleben de facto zementiert. Offenkundig mit - zumindest stillschweigender - Einwilligung der Bundespolitiker jeder Couleur. Anders läßt sich das Wegschauen nicht mehr erklären.

Das Wendland wird dem Frieden mit der Atomwirtschaft, den die Politik spätestens seit dem sogenannten Atomkonsens geschlossen hat, geopfert.

Die Menschen gehen an diesem Morgen des 14. November nicht mut- und ratlos nach Hause. Frieden mit der Atomwirtschaft wird es mit ihnen nicht geben.

Mehr zum Thema

Strahlendes Erbe

Tschernobyl und Fukushima haben bewiesen, dass Atomkraft technisch nicht beherrschbar ist. Noch viele Generationen werden mit dem Erbe dieser Technologie zu kämpfen haben

Kein sicheres Endlager in Sicht

Die Genehmigung von Atomkraftwerken ist an den Nachweis einer sicheren Endlagerung des strahlenden Mülls gebunden. Dieses Endlager gibt es bis heute nicht.