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Prestige: Ein halbes Jahr Ölpest

13. November 2002: Vor der spanischen Atlantikküste schlägt bei rauher See der 26-Jahre alte Großtanker "Prestige" leck. Öl läuft aus dem mit 77.000 Tonnen giftigem Schweröl beladenem Schiff. Die spanische Regierung trifft nach angeblicher Konsultation mit Experten die fragwürdige Entscheidung den Havaristen, statt in einen sicheren Hafen - wo man das Öl hätte abpumpen können - aufs offene Meer zu schleppen. Sechs Tage kann die Prestige dem schlechten Wetter und der schweren See standhalten. Dann bricht sie auseinander und sinkt.

Große Mengen der Ladung ergießen sich in den Atlantik. Zunächst heißt es 20.000 Tonnen Öl, später kommt eine korrigierte Schätzung: 40.000 Tonnen seien bereits beim Untergang ausgelaufen. Die beiden Wrackteile der Prestige liegen mit ihrer giftigen Ladung in fast 4.000 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Das ausgelaufene Öl erreicht nach wenigen Tagen die Strände an der Küste der spanischen Provinz Galicien.

Entgegen den Hoffnungen und Erwartungen der Bewohner und der Experten, strömt aus den Wrackteilen der Prestige weiterhin Öl. In immer neuen Schüben erreicht die schwarze klebrige Masse die Strände. Freiwillige Helfer haben mit den Reinigungsarbeiten begonnen. Staatliche Hilfe lässt auf sich warten.

Die Folgen des Unterganges sind noch heute allerorten an der Nordwestküste Spaniens und südlichen Atlantikküste Frankreichs spürbar. Felsige Abschnitte sind noch immer von einer schwarzen Schicht überzogen. Und bis zum heutigen Tage entweichen täglich tausende Liter des Schweröls aus dem Wrack. Dennoch sehen viele Strände inzwischen wieder blitzblank aus - weißer sauberer Sand. Das ist aber nur die Oberfläche, darunter findet man nach wenigen Spatenstichen eine Schicht von Ölklumpen. Außen weiß, innen schwarz, beschrieb die spanische Zeitung El Pais den Zustand der Strände.

Bis zu vier Milliarden Euro Schaden

Die Schuldfrage wird in Spanien nur zögerlich angegangen. Deutliche Kritik rief die Entscheidung hervor, den leckgeschlagenen Tanker auf die offene See zu schleppen. Wissenschaftler warfen Ende Januar den Behörden vor, wider besseren Wissens gehandelt und die Öffentlichkeit mit der Behauptung getäuscht zu haben, alle Maßnahmen seien mit Fachleuten abgesprochen worden. Mitte Februar leitete die spanische Justiz erste Ermittlungen gegen staatliche Stellen ein.

Die spanische Regierung beziffert das Ausmaß der Schäden auf eine Milliarde Euro. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern der Universität in La Coruna könnte der Wert auch viermal so hoch sein. Küstenabschnitte von Nordportugal bis nach Frankreich wurden auf einer Länge von 2900 Kilometern mit Öl verunreinigt. Tausende von Fischern konnten monatelang nicht arbeiten.

Nach wie vor ist unklar, ob sich das giftige Schweröl aus den Wrackteilen der Prestige bergen lässt. Anfang April entschied Madrid, das ausströmende Öl mit Sackähnlichen Behältern am Meeresgrund aufzufangen und an die Oberfläche zu bringen, um es anschließend auf Schiffe zu pumpen. Diese Art der Bergung wurde allerdings noch nie in einer solchen Tiefe durchgeführt, in der sich die Wrackteile befinden.

Risiken auch für deutsche Küsten

Die Annahme, dass sich eine solche Öl-Katastrophe an deutschen Stränden nicht abspielen könnte, ist falsch. Die Prestige war in einem russischen Ostseehafen und Ölterminal beladen worden. Danach ist sie durch die unfallträchtige Kadetrinne zwischen der dänischen Insel Falster und dem deutschen Darß gefahren. Die Gefahr einer Ölpest nimmt nicht ab, sondern steigt stark an, warnte der Greenpeace-Schifffahrtsexperte Christian Bussau mit Blick auf die Kadetrinne und den Ausbau der russischen Ostsee-Ölhäfen.

Schiffe wie die Prestige hat Greenpeace schwimmende Zeitbomben getauft: Sie sind seit mehr als 15 Jahren auf den Meeren unterwegs und verfügen nur über eine Außenwand, so dass jeder Riss sofort zum Austritt von geladenem Öl führt. Die Gefahren, die von diesen Einhüllen-Schiffen ausgehen, hat inzwischen auch die EU erkannt. Ende März beschlossen die EU-Verkehrminister, ihre Hoheitsgewässer für diese Zeitbomben zu sperren.

Greenpeace reicht das bei weitem noch nicht aus. Die Einhüllen-Tanker müssen sofort von den Meeren verschwinden, um die Gefahr von schwerwiegenden Öl-Katastrophen zu minimieren. Es müssen Notliegeplätze in Deutschland und Europa geschaffen werden. Zugleich sollten die Sicherheitsmaßnahmen in der Kadetrinne erhöht werden: Lotsenpflicht, eine Meldepflicht und eine verbesserte Radarüberwachung, fordert Bussau.

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