Havarierter Öltanker Exxon Valdez vergiftete Gewässer und Küsten für Jahrzehnte

Für Jahrzehnte konserviert

Der Öltanker Exxon Valdez havarierte vor 30 Jahren vor der Küste Alaskas. Giftige Ölreste sind noch heute da. Über die Folgen spricht Greenpeace-Experte Jörg Feddern im Interview.

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Es ist eine der größte Ölkatastrophen der US-Geschichte: Am 24. März 1989 havarierte die Exxon Valdez im Prince-William-Sund von Alaska. Der 300 Meter lange Tanker lief auf ein Riff, rund 40.000 Tonnen Rohöl flossen in die arktischen Gewässer, verseuchten mehr als 2000 Kilometer Küste - mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt. Hat die Region 30 Jahre später das Unglück überstanden? Jörg Feddern, Greenpeace-Experte für Öl, gibt Auskunft.

Greenpeace: Wie sieht es heute in der Bucht aus?

Jörg Feddern: Was kaum einer erwartet hat und wirklich erschütternd ist: 30 Jahre nach der Katastrophe hat sich der Sund noch nicht erholt. Noch heute ist in der betroffenen Region Öl zu finden – einen halben bis einen Meter tief im Sediment verborgen, schätzungsweise noch  80.000 Liter. Die Ölkatastrophe hat das bestehende Ökosystem massiv geschädigt und durcheinander gewürfelt. Das giftige Rohöl tötete Tiere entweder direkt oder drang über Plankton in die Nahrungskette ein und schädigte so die Tierwelt.

Heute ist man sich in der Fachwelt einig, dass nach solch einem massiven Eingriff ein Ökosystem nicht zwangsläufig in seinen Urzustand zurückkehrt. So haben sich einige Tierarten wie Heringe immer noch nicht erholt. Das Öl der Exxon Valdez war ein wesentlicher Faktor für den Zusammenbruch des Heringsbestandes. Hinzu kamen andere ungünstige Faktoren wie Überfischung, Nahrungsdruck und Krankheiten – die Bestände sind deshalb heute im Prince-William-Sund noch immer deutlich geringer als vor 30 Jahren.

Dabei sind Heringe eine wichtige Nahrungsquelle etwa für Wale, Seelöwen, Seehunde und Vögel. Auch für die ansässigen Fischer spielte der Heringe eine wichtige Rolle – bis zur Ölkatastrophe.

Wieso erholt sich das Gebiet so langsam? Liegt es an den niedrigen Temperaturen?

Das Öl wird durch die niedrigen Temperaturen biologisch so gut wie gar nicht abgebaut und verwittert nur sehr langsam.  Zudem überdecken grober Kies und Sand das Öl, schirmen es so vom für den Abbau notwendigen Sauerstoff ab. Dadurch ist das Öl quasi konserviert worden. Viele Tiere wie Seeotter oder einige Seevögel tauchen und buddeln auf dem Meeresboden nach Muscheln. Dadurch bringen sie das Öl immer wieder ins Ökosystem zurück, wo es dann seine giftige Wirkung entfaltet.

Neben den Heringsbeständen leidet eine in diesem Gebiet beheimatete Orcafamilie immer noch unter den Spätfolgen und zeigt keine Erholung des Bestandes.

Damals sind sehr aufwendige und teure Reinigungsarbeiten durchgeführt worden. Die waren demnach nur bedingt erfolgreich?

Oberflächlich wurde das Öl beseitigt, aber die Spuren unter dem Meeresspiegel blieben. Insgesamt haben 11.000 Arbeiter drei Sommer lang versucht, das Öl zu entfernen. Für die Reinigung sind Kosten von zwei Milliarden Dollar angefallen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Gerade einmal sieben Prozent der ursprünglichen Menge konnte beseitigt werden. Es ist einfach ein Mythos, dass ausgetretenes Öl aus der Umwelt zurückgeholt werden kann.

Der Fall Exxon Valdez kam vor Gericht, ist durch etliche Instanzen gegangen. Der verantwortliche Konzern Exxon Mobil (Esso) hat sich geweigert zu zahlen. Wie ist das Verfahren ausgegangen?

Exxon ist 2008, nach 19 Jahren juristischer Auseinandersetzungen, zu einer Geldstrafe von 500 Millionen US-Dollar verurteilt worden – zu zahlen an die durch das Unglück Geschädigten, Fischer zum Beispiel. Ein Geschworenengericht in Anchorage, Alaska, hatte ursprünglich eine Strafzahlung in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar festgelegt.

Exxon hatte immer wieder Widerspruch eingelegt, alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft. Es zeigt, dass zahlungskräftige Konzerne so lange prozessieren können, bis sie die Strafzahlung quasi aus der Portokasse begleichen können. 2008 erzielte Exxon ein Gewinn von mehr als 45 Milliarden US-Dollar.

Wie viele Menschen waren betroffen?

Der Unfall hat Menschen getroffen, die mit und von der Natur gelebt haben wie die Inuit. Fischer haben von heute auf morgen ihre Existenz verloren, weil die Heringsbestände zusammenbrachen, die Lachse wegblieben. Wie gesagt, die Heringsbestände haben sich bis heute nicht erholt. Auch der Tourismus, eine weitere wichtige Einnahmequelle, ging massiv zurück.

Geklagt hatten etwa 40.000 Menschen; davon waren etliche schon nicht mehr am Leben als das Urteil gesprochen wurde. Sie sind gestorben, ohne Gerechtigkeit erfahren zu haben. Die anderen erhielten ungefähr 15.000 US-Dollar pro Kläger. Wenn man sich vor Augen führt, dass Exxon 2008 einen Gewinn von über 45 Milliarden US-Dollar eingefahren hat, den bis dahin größten Gewinn der gesamten Firmengeschichte, dann ist die insgesamt gezahlte Summe von 500 Millionen US-Dollar ein schlechter Witz.

Ist der Unfall noch heute im Bewusstsein der Menschen, sprechen sie darüber?

Auf jeden Fall spielt dieser Unfall in der betroffenen Region immer noch eine wichtige Rolle. Dieses Tankerunglück war bis zur Ölkatastrophe 2010, ausgelöst durch die Ölplattform Deepwater Horizon, der größte Ölunfall in der Geschichte der USA.

Es führte auch dazu, sich endlich darüber Gedanken zu machen, wie der Transport von Öl über die Weltmeere sicherer werden kann. So wurde kurz nach der Katastrophe der Exxon Valdez festgelegt, dass neue Tanker, die in US-amerikanischen Gewässern unterwegs sind, eine doppelte Hülle haben müssen. Diese Vorschrift wurde nach und  nach auf alle Meere übertragen. Aber erst seit 2010, 21 Jahre und weitere schwere Tankerunglücke später, wurden Einhüllentanker endgültig weltweit verboten.

Könnte sich solch ein Unglück heute wiederholen?

Trotz verbesserter Technik, einer besseren Ausbildung der Mannschaften und einer besseren Überwachung der Seewege müssen wir leider auch weiter mit solchen Tankerunfällen leben. Und zwar solange, wie wir vom Öl abhängig sind. Der letzte große Tankerunfall ereignete sich vor gut einem Jahr im ostchinesischen Meer, als der Tanker Sanchi mit einem Frachter kollidierte, in Flammen aufging und mit über 100.000 Tonnen Leichtöl an Bord sank. Wahrscheinlicher Grund: menschliches Versagen.

Eine weitaus größere Gefahr droht dem sensiblen arktischen Ökosystem durch die Ambitionen der Ölkonzerne, in der Arktis nach Öl zu bohren. Die Exxon-Valdez-Katastrophe hat gezeigt, wie wenig der Mensch in der Lage ist, solch ein Unglück in den Griff zu bekommen. Ein Unfall auf einer Bohrstation könnte noch weitaus größere Ausmaße haben. Wir müssen uns vom Öl unabhängig machen, es in der Erde lassen – das gebietet auch der Klimaschutz.

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