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Umweltaktivistin Erin Brockovich im Gepräch

Lerne dein eigener Held zu sein

Ihr erfolgreicher Kampf gegen verseuchtes Grundwasser in den USA war die Vorlage für die weltweit erfolgreiche Hollywood-Produktion Erin Brockovich - eine wahre Geschichte und bescherte ihr plötzlichen Weltruhm. Der Film erzählt von der Mutter dreier Kinder aus einfachen Verhältnissen, deren Nachforschungen bei einem Rechtsanwalt den Energiekonzern Pacific Gas and Electric zur Zahlung von 333 Millionen US-Dollar zwang - einer der größten Schadensersatzsummen in der Geschichte der USA.

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Die amerikanische Umweltaktivistin setzt sich weiterhin aktiv für Verbraucherrechte ein und ist Star des Dokumentarfilms über die globale Wasserkrise Last call at the oasis. Er wird heute Abend bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin gezeigt.

Greenpeace: In Ihrem ersten Fall 1993 deckten sie nicht nur einen Umweltskandal unbeschreiblichen Ausmaßes auf. Sie erkämpften sogar über Jahre für die durch das Gift erkrankten Bewohner hohe Schadensersatzsummen für deren erforderliche medizinische Behandlung. Der Fall war Vorlage für den Film Erin Brockovich - eine wahre Geschichte mit Julia Roberts in der Hauptrolle. Was braucht man als Umweltaktivist, um so über sich hinauszuwachsen?

Erin Brockovich: Stehe dir nicht selber im Weg, sondern fang an, deiner Intuition und deinem Instinkt zu vertrauen. Man hat uns gelehrt, dass wir genau das nicht tun sollen - oder dass wir zumindest erst einen Professorentitel brauchen, um aufzustehen und für Veränderungen zu kämpfen. Tatsächlich haben wir bereits alle Fähigkeiten, die man braucht, um etwas zu verändern: echten Mut und Herz. Das wird dich leiten bei deinen Nachforschungen. Genau das habe ich getan, damals in dem betroffenen Ort Hinkley. Ich habe die toten Bäume gesehen, die Abwesenheit von frei lebenden Tieren, spürte diese Verbindung zur Natur und begann, an meinen Instinkt zu glauben.

Greenpeace: Der heute Abend gezeigte Dokumentarfilm der Oscar-Preisträgerin Jessica Yu handelt von der globalen Wasserkrise. Er prophezeiht, dass bereits in wenigen Jahren 50 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu giftfreiem Wasser haben. Man sieht Sie darin wieder im Kampf gegen verseuchtes Trinkwasser. Diesmal in Midland, Texas, wo das Trinkwasser in einer Anzahl von Haushalten eine gefährlich hohe Konzentration des genau gleichen Giftstoffes aufweist, den Sie damals bekämpft haben. Wie ist dort die Situation?

Erin Brockovich: Ich habe 2009 angefangen, dort zu arbeiten und als wir die Höhe der Kontaminierung mit Chrom (VI) erfuhren, war ich geschockt. Es war die höchste, die ich je gesehen hatte, seitdem ich zu dem Thema arbeite. Nicht zu vergessen, dass die Natur 1000 Jahre braucht, um den Giftstoff abzubauen. Zwar hat der Bundesstaat Texas relativ schnell reagiert, nachdem wir involviert waren, und hat Wasserfiltersysteme installiert. Aber dann hatte er kein Geld mehr, die Bundesregierung übernahm und jetzt passiert nichts mehr. Das heißt, wir klagen dort gerade.

Wie ich darüber erfahren habe? Das war ein unglaublicher Moment, ein Déjà-vu: Eine Großmutter e-mailte mir, sie war besorgt über seltsames Nasenbluten bei Ihren Enkeln, über wunde Stellen auf der Haut und Hautausschläge. Und dann schickte sie mir ein Foto ihres Swimmingpools - das Wasser war grün. Da wusste ich sofort, was es war. Die typische Farbe für eine Chrom (VI)-Vergiftung.

Greenpeace: Sie berichten, dass immer weniger Menschen in den USA Vertrauen in die staatliche Umweltbehörde EPA haben und sich in der Hoffnung auf Veränderung stattdessen direkt an Sie wenden. Wie viele Hilferufe bekommen Sie durchschnittlich im Monat?

Erin Brockovich: Zwischen 25 und 60.000 Menschen melden sich im Monat. In jeder betroffenen Region gibt es meist eine Person, die der Verdacht beschleicht, dass irgendetwas nicht stimmt und schickt mir eine Mail. Wir versuchen dann, so oft wir können, rauszugehen in die Ortschaften, um direkt mit den Menschen zu sprechen. Wir warten nicht auf Unterlagen der Behörden, wir testen selber und finden raus, was los ist. Auf meiner Website habe ich eine Karte erstellt, das Peoples recording registry, um die Berichte der Menschen über Umweltschäden oder auffällige Anhäufungen von Krankheiten festzuhalten.

Zwar werden diese Fälle von den Behörden aufgenommen, aber nur jeweils an dem aktuellen Wohnort der Betroffenen, ohne Zusammenhänge herzustellen. Bei mir meldeten sich zum Beispiel 59 Menschen aus 15 verschiedenen Bundesstaaten mit Gehirntumor. Wir recherchierten und stellten fest, dass sie alle aus demselben Ort stammten. Das war unglaublich. In Kürze wird die Karte interaktiv sein und neue Berichte mit so viel Details wie möglich werden direkt sichtbar aufblinken.

Und das ist genau, wie du dein eigener Held werden kannst: Indem du dir selber die Informationen besorgst und nicht wartest, bis dir jemand sagt, ob der Ort, wo du lebst, gefährlich für deine Gesundheit ist oder nicht. Die Karte dient dazu, zunächst das Problem zu identifizieren, um dann Lösungen zu finden.

Greenpeace: Was möchten Sie all den vielleicht etwas weniger bekannten Menschen sagen, die sich aktiv für die Umwelt einsetzen?

Erin Brockovich: Ich bin stolz auf dich. Nutze weiterhin deine Stimme. Du weißt schon genau, was es bedeutet, dein eigener Held zu sein. Vergiss nie, dass wir Menschen und die Erde eins sind. Mit Einsteins Worten: Die das Privileg haben zu wissen, haben die Pflicht zu handeln.

(Interview: Ariane Hildebrandt)

Der Dokumentarfilm Last call of the oasis mit Erin Brockovich wurde von der amerikanischen Produktionsfirma Participant Media produziert, die auch die weltweit bekannt gewordenen Dokumentationen An unconveniant truth und Food, Inc. ermöglichte. Er soll am 4. Mai in New York und Los Angeles Premiere haben und auf der Berlinale wird gerade mit deutschen Verleihern über einen baldigen Filmstart in Deutschland verhandelt.

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