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Chemieexplosion in Tianjin

Bittere Erkenntnisse

Die Katastrophe von Tianjin wirkt nach: Greenpeace-Teams haben im Umkreis der Explosion Zyanid nachgewiesen, das für den Menschen hochgiftig ist. 

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Noch sind viele Fragen offen: Was die Explosionen in Tianjin auslöste, ist ebenso unklar wie die Folgen für die Gesundheit der dort lebenden Menschen. Am Mittwoch, den 12. August, kam es in dem chinesischen Hafenlager zu einer verheerenden Explosion, bei der mindestens 114 Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. Greenpeace ist die einzige Nichtregierungsorganisation, die seit zwölf schlaflosen Tagen mit Rapid-Response-Teams vor Ort arbeitet.

Löscharbeiten könnten die Katastrophe von Tianjin dabei erst ausgelöst haben, so Greenpeace Ostasien. Das Protokoll der Feuerwehr verzeichnet einen Einsatz um 23:06 Uhr Ortszeit, weil mehrere Container Feuer gefangen hatten. Beim Versuch, den Brand mit Wasser zu löschen, kam es zur ersten von zwei Explosionen.

Geringe Mengen Zyanid nachweisbar

Die aktuelle Vermutung der Untersuchungsteams vor Ort: Alkalimetalle wie Kalium und Natrium könnten der Auslöser der Detonation gewesen sein, weil sie mit Wasser reagieren. Kalziumcarbid, das ebenfalls in Tianjin gelagert wurde, käme dafür ebenfalls in Frage, nach derzeitigen Erkenntnissen war das entsprechende Depot aber zu weit vom Ort der Explosion entfernt.

Die zweite Explosion war sogar noch stärker. 800 Tonnen Ammoniumnitrat, 500 Tonnen Kaliumnitrat und 700 Tonnen Natriumcyanid lagerten in Tianjin. Die Nitrate sind leicht entzündlich, Ammoniumnitrat findet Verwendung als Sprengstoff. Auch Natriumzyanid reagiert mit Wasser sehr heftig. Außerdem waren entzündbare Flüssigkeiten und Gase in Nähe des Explosionszentrums gelagert, etwa Natriumsulfid und Methansäure. In Tianjin wirkten die Chemikalien zusammen wie eine Bombe.

Rätselhafter weißer Schaum in den Straßen

Für die Anwohner ist der Horror längst nicht vorbei: Welche gefährlichen Chemikalien in die Luft und ins Trinkwasser gelangt sind, lässt sich bislang nicht mit Bestimmtheit sagen. Allerdings konnten Greenpeace-Teams bei ihren jüngsten Wassertests vor Ort an mindestens zwei Stellen Zyanid nachweisen.

Die gemessenen Konzentrationen sind glücklicherweise nicht hoch, zeigen aber, dass dieses Gift gebildet und verbreitet wurde. Behördenmessungen in der Nähe des Explosionsherdes ergaben deutlich höhere Messwerte. Das von dem Stoff abgegebene Gas Zyanwasserstoff, auch Blausäure genannt, riecht nach Bittermandeln, ist hochgiftig und kann nach Einatmen oder Verschlucken zum Tod durch Ersticken führen. Zyanid wirkt auch auf Fische und andere Wasserorganismen toxisch.

Einige Anwohner zeigten nach der Explosion ungewöhnliche Symptome wie Hautreizungen, und in den Straßen findet sich ein rätselhafter weißer Schaum. Außerdem wurde ein ungewöhnliches Ausmaß toter Fische in der Umgebung beobachtet, weswegen Greenpeace seine Untersuchungen um ein zweites Team vor Ort verstärkte.

Katastrophe mit Ansage

Eine erschreckende Erkenntnis der Katastrophe in Tianjin ist, dass sie sich jederzeit in China wiederholen kann. Greenpeace Ostasien hat festgestellt, dass in mindestens vier weiteren chinesischen Häfen Gefahrgut fahrlässig nah an Wohngebieten lagert. Obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass gefährliche Chemikalien mehr als einen Kilometer von Wohnhäusern entfernt aufbewahrt werden müssen, werden diese Maßgaben in Shanghai, Ningbo, Guangzhou und Qingdao nicht eingehalten.

Dass die Gefahr einer weiteren Katastrophe überaus real ist, zeigt eine erschreckende Bilanz: Tatsächlich gab es  nach Medienberichten in diesem Jahr bereits 13 Vorfälle ähnlicher Art, nur weniger verheerend, in den Provinzen Jiangsu, Fujian and Shandong. Erst vor einem Monat gab es eine Explosion in einem Chemiewerk in der ostchinesischen Stadt Nanjing. „Die Häufung der Fälle zeigt deutlich, dass China erheblichen Nachholbedarf im Chemikalienmanagement hat“, sagt Manfred Santen, Chemie-Experte bei Greenpeace.

Auch in Tianjin sind die gesetzlichen Auflagen verletzt worden: Gefährliche Chemikalien lagerten in einem Depot, das eindeutig zu nah an ein bereits bestehendes Wohngebiet gebaut worden war. Viele Menschen hätten bei Einhaltung der Regeln gerettet werden können – eine tragische Mahnung für Chinas Hafenstädte.

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