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Bhopal: Hungern für Gerechtigkeit

Ich habe viele Menschen getroffen, die sich in jener Nacht lieber den Tod gewünscht hätten. Rasheeda Bee ist eine Überlebende der Chemie-Katastrophe im zentralindischen Bhopal von 1984. Am Donnerstag hat sie zusammen mit anderen Überlebenden vor der Firmenzentrale von Dow Chemicals in der Stadt Midland in Michigan auf den Generaldirektor gewartet, um mit ihm ein viertelstündiges Gespräch zu führen. Zuvor fand dort die jährliche Aktionärs-Versammlung des weltgrößten Chemiekonzern statt.

Bee und die anderen Überlebenden bringen die schlimmste Chemiekatastrophe der Menschheit zu den Entscheidungsträgern der Firma, die inzwischen das Sagen bei Union Carbide hat. Sie fordern Gerechtigkeit. Von den Managern und den Aktionären verlangen sie, Verantwortung zu übernehmen. Immer noch erkranken Menschen in Bhopal und über 150.000 leiden und litten unter den Folgen der Katastrophe. Doch Dow will von Hilfeleistungen nichts wissen.

Durch ein raffiniertes markt- und betriebswirtschaftliches Konstrukt ist Dow der alleinige Anteilseigner an Union Carbide, deren Pestizidfabrik die verheerende Katastrophe verursachte. Dadurch bleibt Union Carbide als eigenständige Firma bestehen, doch die Gewinne fließen in die Kassen von Dow. Aber für die Verbindlichkeiten der im Grunde übernommenen Firma muss der Chemie-Gigant nicht aufkommen.

Bevor Union Carbide 2001 quasi von Dow übernommen wurde, hatte das Unternehmen bereits 1989 die indische Regierung mit rund 470 Millionen Dollar abgespeist. Ein Betrag, der nur ein Sechstel dessen ausmacht, was gefordert wurde. Wenn überhaupt erhielten Überlebende zwischen 300 und 1000 Dollar. Davon sollten sie die dringend notwendige, lebenslange medizinische Hilfe bezahlen. Doch für viele reichte das Geld nicht einmal für das erste Jahr nach der Katastrophe.

Über 8.000 Menschen starben, unmittelbar nachdem die Wolke aus hochgiftigem Methylisocyanat über die indische Stadt hinweggezogen war. Bis heute sind über 27.000 Menschen an den Folgen gestorben. Und jedes Jahr sterben weitere 380 Gas-Opfer. Dennoch vertritt die Führungsriege von Dow den Standpunkt, die Sache sei erledigt.

Am 25. April eröffneten die Opfer und Organisationen der Überlebenden erneut ein Gemeinschaftsverfahren vor dem zweiten Circuit Court of Appeals in New York, um die Reinigung und Entgiftung des Geländes in Bhopal sowie Entschädigungen für Verseuchungs-bedingte Schäden zu erhalten. In Bhopal läuft ein Strafprozess gegen Union Carbide, in dem es auch um fahrlässige Tötung geht. Und die Staatsanwaltschaft prüft gegenwärtig, ob auch Dow auf der Anklagebank Platz nehmen muss.

Rasheeda Bee und einige der anderen Überlebenden unterstreichen ihre Forderungen durch einen Hungerstreik. Seit dem ersten Mai fasten sie, als sie im New Yorker Finanzdistrikt an der Wallstreet demonstrierten. Inzwischen haben sich überall auf der Welt über 130 Menschen ihnen angeschlossen.

Wir fasten, um auf der Wahrheit zu bestehen, erklärt Champa Devi, Überlebende und Leiterin der Gewerkschaft für betroffene Arbeiterinnen aus Bhopal. Die Welt soll wissen, dass das größte Chemieunternehmen der Welt nun beteiligt ist an den Verpflichtungen aus dem größten Industrieunfall der Welt.

Die Internationale Kampagne für Gerechtigkeit in Bhopal fordert von Dow:

  • sich dem Strafprozess zu stellen, der ursprünglich gegen Union Carbide angestrengt wurde;
  • Informationen über die Giftigkeit der in Bhopal freigesetzten Gase herauszugeben, damit die Opfer endlich entsprechend behandelt werden können;
  • für andauernde medizinische Rehabilitation und Überwachung zu sorgen;
  • wirtschaftliche Hilfe und soziale Unterstützung zu bieten, besonders für die Kinder von Überlebenden;
  • das nach wie vor verseuchte und mit Giftmüll übersäte Gelände der Union Carbide Fabrik sowie das Grundwasser in Bhopal und Umgebung zu reinigen.

(mir)

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