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Zur aktuellen Situation in Fukushima

Im zerstörten AKW Fukushima 1 bleibt die Lage hochgefährlich. Die Region ist radioaktiv verseucht und wahrscheinlich auf unabsehbare Zeit nicht mehr bewohnbar. Die Gefahr einer noch größeren Kontaminierung besteht weiter. Greenpeace hat in einem offenen Brief an die japanische Regierung appelliert, dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior II Strahlenmessungen in den Küstengewässern vor dem AKW zu erlauben.

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... Unabhängige und transparente Informationen sind zu dieser Zeit wichtig für die Menschen in Japan, schreibt der Geschäftsführer von Greenpeace International, Kumi Naidoo, in seinem offenen Brief an den japanischen Ministerpräsidenten. Greenpeace steht bereit. Wir bieten unsere volle Solidarität und wir bieten an, unseren Teil zu den Bemühungen der japanischen Regierung und der japanischen Gesellschaft beizutragen, um Gesundheit und Leben der Menschen zu schützen.

Seit drei Tagen misst Greenpeace vor der japanischen Küste südlich von Fukushima 1 die Strahlung im Wasser. Bei den Messungen sollen der Verschmutzungsgrad von Meeresflora und -fauna und mögliche Auswirkungen auf die Nahrungskette untersucht werden. Die Rainbow Warrior muss aber außerhalb der japanischen Küstengewässer bleiben. Messungen innerhalb der 12-Meilen-Zone erlaubt die Regierung nicht. Die Werte geben wir bekannt, sobald sie ausgewertet sind.

Die Menschen in der Region

Die japanische Regierung hat am 19. April den Strahlengrenzwert für Grundschulkinder in Fukushima auf 20 Millisievert pro Jahr heraufgesetzt. Dieser Grenzwert entspricht der Dosis, die in Deutschland ein AKW-Mitarbeiter jährlich aufnehmen darf. Für die allgemeine Bevölkerung gilt ein Grenzwert von 1 Millisievert pro Jahr.

Die Entscheidung der japanischen Regierung ist besonders kritisch zu sehen, weil Kinder aufgrund ihres Wachstums und der erhöhten Zellteilung extrem sensibel auf Strahlung reagieren. Der Atom-Sonderberater des Kabinetts, Toshiso Kosako, trat zurück. Auf einer Pressekonferenz warf er der Regierung unter Tränen vor, sich nicht an geltende Gesetze zu halten. Der erhöhte Grenzwert für Kinder sei unangemessen hoch.

Wind und Regen sorgen für eine ungleichmäßige Verteilung der Radioaktivität. Manche Ortschaften sind stärker betroffen als andere. Am 11. April kündigte die Regierung an, die 20-Kilometer-Evakuierungszone um die Gebiete zu erweitern, in denen eine Strahlenbelastung von mehr als 20 Millisievert pro Jahr erwartet wird. Am 22. April folgte der offizielle Erlass: Die Menschen in den betroffenen Ortschaften wurden aufgefordert, die Gegend innerhalb eines Monats zu verlassen. Menschen, die 20 bis 30 Kilometer vom AKW entfernt leben, nicht aber in einer der betroffenen Gegenden, sollen in ihren Häusern bleiben bzw. sich zur Evakuierung bereithalten.

Ernährung

In der Milch und in anderen landwirtschaftlichen Produkten aus Fukushima und den Nachbarpräfekturen wurden Radionuklide nachgewiesen. Die Regierung hat die Begrenzung von Vertrieb und Verzehr bestimmter Produkte verfügt. In einigen Präfekturen fand sich radioaktives Jod oberhalb der vorläufigen gesetzlichen Grenzwerte im Leitungswasser. Im Klärschlamm einer Abwasseraufbereitungsanlage 50 Kilometer von der AKW-Ruine entfernt ist radioaktives Cäsium nachgewiesen worden. Kleine Mengen Strontiums wurden in einigen Boden- und Pflanzenproben in 20 bis 80 Kilometer Entfernung gefunden.

Zustand der Reaktoren

Der Unfall in Fukushima wurde als katastrophaler Unall mit der INES Stufe 7 bewertet und liegt damit auf der selben Stufe wie Tschernobyl.

Block 1: Kern und Brennstäbe sollen laut einer Schätzung des Betreibers Tepco vom 27. April zu 55 Prozent beschädigt sein. Die Brennstäbe liegen ganz oder teilweise frei. Seit dem 27. April wird der vermutlich intakte Sicherheitsbehälter mit Speisewasser aufgefüllt, nach wie vor wird Stickstoff eingespeist. Der Zustand der Brennelemente im Abklingbecken ist unbekannt. Das Reaktorgebäude ist durch eine Wasserstoffexplosion schwer beschädigt.

Geplant ist der Einsatz einer mobilen Luftfilteranlage für fünf Tage, die in dieser Zeit 95 Prozent der angesaugten radioaktiven Stoffe aus der Luft im Reaktorgebäude filtern kann.

Block 2: Kern und Brennstäbe sind zu - geschätzt - 35 Prozent beschädigt. Die Brennstäbe liegen ganz oder teilweise frei. Auch der Sicherheitsbehälter ist vermutlich beschädigt und leckt. Der Zustand der Brennelemente im Abklinbecken ist unbekannt. Das Reaktorgebäude ist leicht beschädigt. Nach einer Unterbrechung am 29. April wird wieder hochradioaktives Wasser abgepumpt.

Block 3: Kern und Brennstäbe sind zu 30 Prozent beschädigt (Tepco-Schätzung vom 27. April), der Sicherheitsbehälter ist vermutlich intakt. Die Brennelemente im Abklingbecken sind wahrscheinlich beschädigt. Das Reaktorgebäude ist durch eine Wasserstoffexplosion schwer beschädigt.

Block 4: Zur Zeit des Unfalls waren alle Brennelemente im Abklingbecken. Radioaktive Wasserproben weisen nach Angaben des Betreibers darauf hin, dass die Brennstäbe teilweise beschädigt sein könnten. Das Reaktorgebäude ist schwer beschädigt.

Block 5 und 6: In die Gebäudedächer wurden Entlüftungslöcher gebohrt, um Wasserstoffexplosionen zu verhindern. Die Kühlung der Abklingbecken ist wiederhergestellt.

(Quellen: Gesellschaft für Reaktorsicherheit/GRS, Japan Atomic Industrial Forum/JAIF, Greenpeace Schweiz)

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