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Wie wird ein Atomkraftwerk abgeschaltet?

Abgeschaltet heißt nicht Gefahr gebannt. Tobias Riedl, Atom-Experte bei Greenpeace, erklärt im Interview, warum es gar nicht so einfach ist, ein Atomkraftwerk abzuschalten.

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Atomkraftwerke können per Schnellabschaltung ausgeschaltet werden. Dabei werden die Kontrollstäbe innerhalb weniger Sekunden in den Reaktorkern eingebracht. Die Kettenreaktion kommt damit zum Stillstand, die für 93 Prozent der Wärmeproduktion des Reaktors verantwortlich ist. Die restlichen sieben Prozent der Wärmeproduktion dagegen können nicht abgeschaltet werden. Denn diese kommen durch den Zerfall der radioaktiven Stoffe im Reaktorkern zustande - und dieser Prozess kann nicht sofort gestoppt werden.

Diese Zerfallswärme muss mittels Kühlung abgeführt werden, sonst droht eine Kernschmelze. Die Zerfallswärme nimmt nach dem Abschalten rasch ab: Nach einem Tag ist sie von sieben Prozent auf circa 0,6 Prozent der Reaktorleistung im Betrieb abgesunken, nach einem Monat auf circa 0,17 Prozent. Allerdings entsprechen 0,17 Prozent der Leistung bei einem großen Atomkraftwerk noch rund 7.000 Kilowatt. Das ist mehr als ausreichend, um den Kern ohne Kühlung doch zur Schmelze zu bringen.

Was, wenn die Stromversorgung ausfällt?

Wenn nun ein Atomkraftwerk, wie zum Beispiel das in Neckarwestheim abgeschaltet wird, müssen die Brennelemente innerhalb des Kraftwerks für mehrere Jahre weiter mit Wasser gekühlt werden. Fällt hier die Stromversorgung aber aus und versagt auch der Notstrom, können die Brennstäbe überhitzen und undicht werden. Dann kommt es zur Freisetzung von radioaktiven Stoffen in der Anlage.

Damit ist die Gefahr, die von einem abgeschalteten Kernkraftwerk ausgeht, mit dem Abschalten nicht gebannt, sie besteht jahrelang weiter.

Greenpeace-Sprecher Tobias Riedl zur Lage in Fukushima 1. Er erklärt, warum man ein AKW nicht einfach herunterfahren kann:

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