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Verwirrspiel um Messungen im AKW Fukushima

AKW-Betreiber Tepco zieht seine eigenen Berechnungen zur Strahlenbelastung im kritischen Atomkraftwerk Fukushima 1 in Zweifel. Zuvor hatte Tepco gemeldet, die Strahlung in Reaktor 2 sei zehn Millionen Mal höher als normal. Richtig sei eine Erhöhung um das 100.000fache, so der aktuelle Stand.

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Erst bezweifelte der umstrittene Betreiber Tepco seine eigenen Messergebnisse an; einige Stunden später die offizielle Meldung: Die Strahlung im Wasser des Turbinenhauses in Reaktor 2 sei um das 100.000fache erhöht - nicht um zehn Millionen.

Wer Atomkraftwerke betreibt, sollte in der Lage sein, Messwerte richtig anzugeben, kommentiert Kernphysiker Heinz Smital (Greenpeace). Spätestens jetzt seien Zweifel an der Zuverlässigkeit und Kompetenz von Tepco angebracht.

Die millionenfach erhöhte Strahlung wurde am Sonntag im verseuchten Wasser gemessen, das im Turbinen-Gebäude des Reaktorblocks steht. Ist der Betreiber nicht in der Lage, belastbare Messungen durchzurführen oder versucht er immer noch, das wahre Ausmaß des Desasters in Fukushima zu beschönigen? Smital ist sich sicher: Tepco lässt die Öffentlichkeit im Dunkeln. Das ist verantwortungslos.

Lage spitzt sich zu

Bereits zuvor hatte die Reaktorsicherheitsagentur NISA in dem Wasser an Reaktor 2 eine hohe Konzentration des Isotops Jod-134 festgestellt. Das könne auf einen Schaden am Reaktorkern hinweisen, hatte es geheißen. Nach früheren Angaben stand das Wasser an Reaktor 2 etwa einen Meter hoch. Sollten sich diese Meldungen jedoch bewahrheiten, hieße dies, dass die Situation in den Katastrophenreaktoren deutlich eskaliert ist, befürchtet Smital und fordert eine Ausweitung der Evakuierungszone auf 80 bis 100 Kilometer rund das Atomkraftwerk. Er erklärt: Erneut könnte eine Kettenreaktion in Gang gekommen sein, entweder im Reaktor selbst oder im Abklingbecken. Mit gewaltiger Hitze und radioaktiver Strahlung. Greenpeace fordert die IAEO erneut auf, die atomare Katastrophe auf die höchste Stufe 7 der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) einzustufen.

Greenpeace vor Ort

In den beiden vergangenen Wochen war die Nachrichtenlage teils widersprüchlich. Ein unabhängiges Greenpeace-Team ist aus diesem Grund nach Japan gereist. Vor Ort messen die Strahlenexperten die Radioaktivät außerhalb der Evakuierungszone um Fukushima. Sie wollen wissen, wie groß die Gefahr für die Bevölkerung wirklich ist.

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