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Tritium-Strahlung in der Asse deutlich höher als zu erwarten

In der Abluft des maroden Atommülllagers Asse werden immer noch hohe Werte des radioaktiven Tritiums gemessen - weitaus höhere als die veröffentlichten Daten nahelegen. Greenpeace ließ eigene Berechnungen durchführen und kam zu dem Schluss: In der alten Atommüllkippe der Kernkraftwerksbetreiber lagert 4,5-mal mehr Tritium als angegeben. Eine weitere böse Überraschung und ein Indiz dafür, dass wir noch längst nicht alles über den Müll in der Asse wissen.

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Tritium ist ein radioaktives Isotop von Wasserstoff und chemisch von normalem Wasser nicht zu unterscheiden. Es entsteht vor allem bei der Kernspaltung in Atomkraftwerken und gelangt über AKW-Abwässer und -Abluft sowie über den Atommüll in die Umwelt.

Gelangt Tritium ins Grundwasser, kann es kaum noch herausgefiltert werden. Auch als Gas ist seine Ausbreitung kaum zu kontrollieren. Es führt zu einer gleichmäßigen Strahlenbelastung aller Organe, kann Krebs erregen und noch nach Generationen genetische Schäden hervorrufen. Im Gegensatz zu anderen radioaktiven Stoffen ist es besonders gut messbar. Tritium hat eine Halbwertzeit von 12,3 Jahren.

Da von 1967 bis 1978 nur äußerst ungenau dokumentiert wurde, was und wie viel in der Asse eingelagert wurde, berechnete das Helmholtz Zentrum die Menge des Tritiums teilweise erst nachträglich. Die Unterlagen nennen ein Tritium-Inventar von 4.380 Gigabecquerel zum 1.1.1980. Greenpeace hat jedoch auf Grundlage der regelmäßig dokumentierten Tritium-Messungen in der Abluft ein eingelagertes Inventar von 20.000 Gigabecquerel oder mehr berechnet.

Der Umgang des früheren Betreibers mit dem Atommüll ist skandalös verantwortungslos, sagt Thomas Breuer, Atomexperte von Greenpeace. Welchen Einlagerungsdaten aus der Asse kann man überhaupt noch trauen, wenn allein das Tritium-Inventar um den Faktor 4,5 größer ist als angegeben? Von RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW fordert Greenpeace lückenlose Aufklärung darüber, wie viel und welchen Atommüll sie in die Asse gebracht haben.

Es muss dringend geklärt werden, was tatsächlich an Atommüll in der Asse lagert, so Thomas Breuer. Bundesumweltminister Gabriel muss sich von RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW eine lückenlose Aufstellung darüber vorlegen lassen, welchen Atommüll sie wohin entsorgt haben, und ihre finanzielle Beteiligung an der Sanierung der Asse einfordern.

Im Februar 2009 hatte Greenpeace öffentlich gemacht, dass mehr als 70 Prozent der Radioaktivität im maroden Salzbergwerk Asse von atomaren Abfällen aus Atomkraftwerken der vier großen Energiekonzerne EnBW, RWE, Vattenfall und E.ON stammen. Bis dahin hatten die Energiekonzerne behauptet, Atommüll aus privatwirtschaftlicher Quelle sei nur in geringen Mengen in die Asse verklappt worden.

Die Probleme in Asse zeigen die gefährlichen Defizite der Industrie im Umgang mit Atommüll. Im Nachbarland Frankreich schreckte die Öffentlichkeit 2006 gleich zweimal hoch. Greenpeace hatte nachgewiesen, dass Grundwasser in der Nähe der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mit Tritium verseucht war. Bauern tränkten ihr Vieh aus einem verseuchten Brunnen. Die Gefahr ging von einer Halde mit radioaktivem Abfall aus, auf der auch deutscher Atommüll lagerte.

Wenige Tage später wurde bekannt, dass ein Atommüllzentrum bei Soulaines/Ostfrankreich den Champagnerweinbau bedroht: Auch hier war das Grundwasser mit Tritium verseucht. In beiden Fällen hatten die Verantwortlichen hoch und heilig versichert, dass niemals etwas passieren könne.

Die Gefahr, die von der Atomkraft ausgeht, und die ungelösten Probleme der Endlagerung machen den kompletten Ausstieg aus der Atomkraft unumgänglich - so schnell wie technisch möglich. Nach dem von Greenpeace vorgelegten Energieszenario Plan B kann Deutschland bis 2015 komplett aus der Atomkraft aussteigen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.

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