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Super-GAU in AKW durch tragbare Waffen

Es muss kein Flugzeug sein. Terroristen, die es auf ein AKW abgesehen haben, können auch auf konventionelle panzerbrechende Waffensysteme zurückgreifen. Solche Waffen sind auf dem grauen Markt erhältlich, mobil vom Boden aus einsetzbar und äußerst treffsicher. Eine Greenpeace-Studie belegt die Gefahr.

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Wie würde sich der Beschuss mit einer tragbaren panzerbrechenden Lenkwaffe auf ein älteres deutsches Atomkraftwerk auswirken? Mit dieser Frage hat sich Greenpeace an die Diplom-Physikerin Oda Becker von der Fachhochschule Hannover gewandt.

Dass die Gefahr für unzulänglich gesicherte AKW auch vom Boden ausgehen kann, ist seit langem bekannt. Anfang 1982 wurde das im Bau befindliche französische Kraftwerk Creys-Malville aus einem tragbaren Raketenwerfer mit Raketen beschossen. Das Gebäude wurde nur leicht beschädigt. Doch seitdem sind diese Waffen erheblich weiterentwickelt worden. Sie sind stärker, treffen sicherer und weisen eine höhere Reichweite von bis zu fünf Kilometern auf.

Becker wählte die russische Panzerabwehrlenkwaffe AT-14 Kornet-E, um die Wirkung eines Beschusses zu berechnen. Diese Waffe wird weltweit verkauft. Sie lässt sich mit sogenannten thermobarischen Gefechtsköpfen bestücken, Gefechtsköpfen also, die Sprengstoff enthalten. Durch die enorme hitzeentwickelnde Sprengkraft könnte eine solche Waffe den Reaktorbehälter eines älteren AKW durchschlagen und zur Kernschmelze führen. Die AT-14 Kornet-E ist selbst bei Nacht noch auf 3,5 Kilometern Entfernung einsetzbar.

Russische Tests, vor Jahren am Modell durchgeführt, zeigten, dass auch ein neuer Reaktortyp dem Beschuss mit modernen Panzerabwehrlenkwaffen nicht standhalten würde. Es ist anzunehmen, dass das Gleiche auch für neuere deutsche AKW gilt. Mit Sicherheit gilt es für die älteren AKW, die nicht einmal gegen den Absturz eines kleineren Verkehrsflugzeugs gesichert sind.

Die Folgen wären verheerend. Innerhalb weniger Stunden könnte die Strahlung den behördlichen Grenzwert für eine Evakuierung um das Tausendfache übersteigen. Bis zu 100.000 Quadratkilometer Boden in der weiteren Umgebung könnten derart radioaktiv verseucht sein, dass niemand mehr dort leben kann.

Es ist unverantwortlich, die alten und besonders gefährdeten Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen. Sie sind nukleare Minen, die jederzeit zünden können, sagt Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace. Das Risiko durch Terrorangriffe ist Bundeskriminalamt und Aufsichtsbehörden lange bekannt, es wird jedoch von der schwarz-gelben Bundesregierung vorsätzlich ignoriert. Profitinteressen der Atomkonzerne sind für Merkel offenbar wichtiger als die Sicherheit der Bürger.

Das BKA warnte das Bundesinnenministerium schon 2001 in einem internen Schreiben vor Terroranschlägen auf kerntechnische Einrichtungen. Was Becker jetzt für Greenpeace untersucht und gefunden hat, ist von solcher Brisanz, dass Greenpeace nur eine gekürzte Fassung des Gutachtens veröffentlicht. Die vollständige Studie wurde dem Bundesinnenministerium, dem Bundesverteidigungsministerium und dem Bundeskriminalamt zugestellt.

Publikationen

Gefährdung deutscher Atomkraftwerke durch den Absturz von Verkehrsflugzeugen

Der Absturz eines Verkehrsflugzeugs auf ein Atomkraftwerk war vor dem 11. September 2001 ein in den Köpfen der Verantwortlichen nahezu nichtexistenter Risikofaktor. Nicht nur Atomkraftwerks-Betreiber, auch Vertreter von Sachverständigenorganisationen hatten ein solches Ereignis unter ‚extrem unwahrscheinlich‘ abgelegt.

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Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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