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Strahlendes Erbe von Tschernobyl: Verseuchte Lebensmittel

25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl sind Lebensmittel in der Ukraine immer noch radioaktiv verseucht. Die Strahlung findet sich in wichtigen Bestandteilen der Nahrung wie Milch, Beeren, Pilzen, Karotten und Kartoffeln.

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Ein Greenpeace-Strahlenschutzteam besuchte im März 2011 die ukrainischen Bezirke Riwne (russisch Rowno) und Shitomir an der Grenze zu Weißrussland sowie die ukrainische Hauptstadt Kiew. Auf Märkten oder direkt bei örtlichen Bauern kauften sie insgesamt 114 Proben und untersuchten sie vor allem auf Cäsium-137.

Cäsium-137 ist ein langlebiges Radionuklid. Es hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren, das heißt es dauert 30 Jahre, bis die Hälfte seiner Atome zerfallen ist. Zudem ist es gut wasserlöslich, gelangt bei Regen in die oberste Erdschicht und wird dort über die Wurzeln von den Pflanzen aufgenommen. So gelangt es in die Nahrungskette und verseucht Milch, Gemüse und andere Lebensmittel. Über die Gewässer wird auch Fisch kontaminiert. Der menschliche Körper verwechselt Cäsium-137 mit dem chemisch ähnlichen Kalium und baut es vor allem ins Muskelgewebe ein.

Lebensmittel als Strahlenquelle

In der Ortschaft Drosdin im Bezirk Riwne wurden die Strahlenschutzexperten in 93 Prozent der Milchproben fündig. Die Cäsium 137-Werte wiesen bis zu 665 Becquerel pro Liter (Bq/l) auf - das bis 16,3-Fache des ukrainischen Grenzwertes für Kinder. Er beträgt 40 Bq/l. Auch eine Probe aus Rudnja Sherewetska im Bezirk Shitomir überschritt diesen Wert.

Am höchsten belastet war eine Probe getrockneter Pilze aus Naroditschi im Bezirk Shitomir. Sie wies einen Cäsium 137-Wert von 288.000 Bq auf - das 115-Fache des Grenzwertes. Doch auch andere Pilzproben enthielten zu viel Cäsium-137. In Drosdyn/Bezirk Riwne überschritten sechs von sieben Proben den zugelassenen Höchstwert. Auch etliche Proben von Beeren, Karotten und Kartoffeln wiesen erhöhte Cäsium-Werte auf.

Kommunen brauchen Hilfe

Der GAU von Tschernobyl kontaminierte 1986 weite Gebiete in der Ukraine, in Weißrussland und Russland. In der Ukraine waren 18.000 Quadratkilometer landwirtschaftlich genutzter Flächen betroffen, dazu schätzungsweise 40 Prozent der Wälder. Die Regierung untersuchte und analysierte in der Folge regelmäßig die Nahrungsmittel aus den verseuchten Regionen.

Die Daten wurden veröffentlicht. Doch Radioaktivität ist nicht sichtbar. Viele Menschen änderten darum ihre Ernährungsgewohnheiten nicht, sondern aßen weiter Obst und Gemüse, Fisch, Beeren und Pilze aus den kontaminierten Gegenden. Bis heute grasen Kühe auf verseuchten Weiden.

Die regelmäßigen Kontrollen wurden vor zwei Jahren eingestellt - zu früh, wie die stichprobenartige Greenpeace-Untersuchung zeigt. Noch nach 25 Jahren sind Menschen, die hunderte Kilometer von Tschernobyl entfernt leben, über die Nahrung gefährlichen Strahlungsmengen ausgesetzt, sagt Aslihan Tumer, Energieexperte von Greenpeace International. Die ukrainische Regierung muss ihre Kontrollen dringend wieder aufnehmen. Belastete Flächen wie beispielsweise Viehweiden seien zu sanieren oder dürften nicht genutzt werden.

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