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RWE: Russisches Roulette in Belene

Greenpeace-Aktivisten haben am Sonntag gegen die Beteiligung des Energiekonzerns RWE am Bau eines Atomkraftwerks im bulgarischen Belene protestiert. Als Tod verkleidet hielten sie ein Banner mit der Aufschrift RWE: kein russisches AKW. Belene liegt mitten in einem Erdbebengebiet.

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Die Aufsichtsräte des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns wollten am heutigen Sonntag in Essen entscheiden, ob sie rund 1,5 Milliarden Euro in russische Nukleartechnologie investieren werden. Das Ergebnis ist zurzeit noch nicht bekannt.

Das AKW Belene ist eines der weltweit gefährlichsten Atomprojekte, sagt Heinz Smital, Atomphysiker bei Greenpeace. Von einer verantwortungsvollen Unternehmensstrategie von RWE kann bei diesem Atomabenteuer keine Rede sein. Hier wird Russisches Roulette mit der Sicherheit von Menschen gespielt.

Nur zwölf Kilometer vom geplanten Kraftwerk entfernt ereignete sich 1977 das letzte große Erdbeben. 120 Menschen starben. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover rechnet in der Region weiterhin mit Erdbeben der Stärke 7,5 bis 8,5 auf der Richterskala.

Zwölf internationale Banken, darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank und die HypoVereinsbank haben bereits von einer Finanzierung des gefährlichen Projekts Abstand genommen. RWE sprang in die Bresche und erhielt den Zuschlag. Der Konzern ist mit 49 Prozent an dem Projekt beteiligt. Der staatliche bulgarische Stromversorger NEK hält die anderen 51 Prozent. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußerte RWE-Chef Jürgen Grossmann am 31. Oktober: Was spricht gegen Investitionen in solchen Ländern, wenn unsere Konkurrenten denselben Weg gehen?

Greenpeace hat die Mitglieder des RWE-Aufsichtsrates schriftlich aufgefordert, das Risikoprojekt zu stoppen. Im Aufsichtsrat sitzen auch die Oberbürgermeisterin von Mülheim an der Ruhr, Dagmar Mühlenfeld (SPD), der Oberbürgermeister von Essen, Wolfgang Reininger (CDU), Dortmunds Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD), sowie ver.di-Chef Frank Bsirske und Allianz-Vorstand Paul Achleitner. Die heutige Entscheidung könnte durchaus auch für die Kommunalwahlen 2009 bedeutsam sein.

Der Plan für das Atomkraftwerk in Belene stammt aus den 80er Jahren. 1992 wurde die Planung aufgrund von zahlreichen Protesten, Sicherheitsbedenken und wirtschaftlichen Risiken eingestellt. Erst mit dem Regierungswechsel 2005 wurden die Belene-Pläne wieder aufgegriffen. Was es bedeuten kann, sich in Bulgarien gegen das Projekt zu engagieren, erfuhr 2005 die prominente bulgarische Atomkraftgegnerin Albena Simeonova: Die Goldman-Preisträgerin wurde mehrfach mit dem Tod bedroht.

Die Inbetriebnahme des 1000-Megawatt-Reaktors ist für Januar 2014 geplant. An dem Bau ist neben dem staatseigenen russischen Unternehmen Atomstroiexport auch das deutsch-französische Konsortium Areva/Siemens beteiligt.

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