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Pfusch am AKW-Bau

Pfusch am Bau, fehlerhafte Betonarbeiten, inkompetente Vorarbeiter - nein, die Rede ist nicht vom Bau der Kölner U-Bahn. Die Rede ist von der EPR-Baustelle im finnischen Olkiluoto. Das neue Flaggschiff der Atomindustrie, das eine Renaissance der Atomkraft einleiten sollte, droht zu sinken. Immenser Zeit- und Kostendruck führen zu immer mehr Mängeln und miesen Arbeitsbedingungen. Greenpeace hat einige der Arbeiter interviewt.

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Laut Atomindustrie ist der EPR eines der sichersten Atomkraftwerke der Welt. Doch in den vergangenen Jahren stand der Reaktorneubau wegen eklatanter Sicherheitsmängel immer wieder in der Kritik. Die finnische Atomaufsichtsbehörde STUK hat bereits über 2300 teils erhebliche Mängel gezählt und es werden immer mehr.

Der finnische Greenpeacer Lauri Myllivirta hat sich zusammen mit einem polnischen Journalisten auf der EPR-Baustelle mit den polnischen Arbeitern über die Sicherheitskultur und die Arbeitsbedingungen unterhalten. Die Aussagen sind erschreckend. Auf die Männer wird enormer Druck ausgeübt, ihre Arbeitsleistung zu erhöhen. Wer nicht spurt, dem droht die fristlose Kündigung. Manche mussten sieben Tage die Woche arbeiteten, andere haben Arbeitsschichten von 16 bis 24 Stunden erlebt, wobei Überstunden oftmals nicht bezahlt wurden.

Der Frust ist entsprechend groß. Hinzu kommt, dass die meisten Vorarbeiter aus Portugal kommen und kein Polnisch sprechen. Eine Verständigung ist kaum möglich, auftretende Probleme bleiben daher oft unentdeckt.

Die geringe Arbeitsmoral und Sicherheitskultur wirkt sich zwangsläufig negativ auf die Bauqualität und somit die Sicherheit des Reaktors aus. Bei den Betonarbeiten der Reaktorkuppel kam es immer wieder zu erheblichen Baumängeln. Bügel, die einzelne Teile der Stahlarmierung verbinden und stabilisieren sollen, sind falsch installiert oder fehlen sogar ganz. Die Stahlarmierung hat erheblichen Einfluss auf die Statik eines Betongebäudes. Ob die Reaktorkuppel damit noch den notwendigen Sicherheitsanforderungen genügt, ist fraglich.

Was einst die große neue Hoffnung für die Zukunft der Atomindustrie sein sollte, wird immer mehr zu einem Desaster. Die Baukosten steigen unaufhörlich, statt der geplanten 3,2 Milliarden Euro geht man mittlerweile von über fünf Milliarden aus - weitere Steigerung nicht ausgeschlossen. Auch dem Zeitplan hinkt der Bau mächtig hinterher, ursprünglich sollte er 2009 fertig sein, jetzt ist von frühestens 2012 die Rede. Verzweifelt wird versucht, weitere Kosten so gering wie möglich zu halten, um das Projekt zu retten, auf Kosten der Arbeiter und der Sicherheit.

Hier werden Milliarden versenkt und Menschen massiv ausgebeutet, nur um ein ehemaliges Prestigeprojekt der Atomindustrie mit aller Gewalt noch umzusetzen. Man darf sich gar nicht vorstellen, wie viel Windkraftanlagen und Solaranlagen mit dieser Arbeitskraft und diesem Geld gebaut werden könnten.

Autor: Tobias Riedl

Die vollständigen Interviews liegen Greenpeace vor. In den folgenden Audiodateien hören Sie Auszüge zu den Aspekten Sicherheitskultur, Qualitätsprobleme und Arbeitsbedingungen.

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