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Nach dem Castor ist vor dem Castor

Mittwochmorgen, 7.22 Uhr, in Gorleben - hinter dem letzten eingetroffenen Castor-Behälter schließt sich das Tor zum Gelände des Zwischenlagers. Zur gleichen Zeit in Berlin: Greenpeace-Aktivisten beenden ihre Aktion vor der Partei-Zentrale von Bündnis90/Die Grünen. Zurück bleiben die 12 Castor-Attrappen in Originalgröße vor der Tür der Partei-Zentrale.

Unsere Castor-Behälter sollen als Mahnmal dienen für diejenigen, die politisch für die ungelöste Atommüllproblematik verantwortlich sind, kommentiert der Greepeace-Energieexperte Sven Teske. Die Politiker sind aufgefordert, endlich eine sichere Entsorgungsmöglichkeit für den Atommüll zu suchen.

Genauso haben die Proteste im Wendland gezeigt, dass die immer noch ungelöste Frage der Endlagerung von hochgradig radioaktivem Müll das drängendste Problem ist. Wobei durch jeden neuen Castor-Transport in die - zurzeit noch Zwischenlager genannte - Anlage in Gorleben die Weichen für ein Endlager im Wendland gestellt werden.

Allerdings wurde durch die Proteste auch deutlich, dass es sich um ein überregionales Problem handelt, stellt Mathias Edler fest, Atomexperte bei Greenpeace. Aktivisten protestierten im französischen La Hague, in allen Bundesländern, durch die der Castor-Transport kam, im Wendland und ebenfalls in Berlin. Daran lässt sich ablesen, dass der Widerstand immer größere Kreise zieht. Gorleben wird zum Symbol für die ungelöste Atommüllentsorgung weit über die Grenzen hinaus.

Aus den Plutoniumfabriken aus La Hague und dem englischen Sellafield sollen in den kommenden Jahren noch 135 weitere Castor-Behälter mit hochradioaktivem Atommüll nach Gorleben rollen. Ab 2008 werden dann insgesamt noch 280 Behälter mit mittelradioaktivem Müll dazu kommen. Edler warnt: Wenn sich in der Blechscheune in Gorleben erst einmal so viele Atommüllbehälter türmen, wird keine Regierung sie von dort wieder fortschaffen. Dann werden die Castoren an Ort und Stelle vergraben.

Doch Deutschland steht mit dem ungelösten Atommüllproblem nicht allein da. Überall auf der Welt versagt die Politik bei der Frage nach einer sicheren Endlagerung, wie die Beispiele Finnland und die USA zeigen. Auffällig sind dabei nur die Parallelen zwischen den Ländern: So wurden stets die Sicherheitsanforderungen für ein Atom-Endlager solange herabgeschraubt, bis sie auf einen einmal ins Auge gefassten Standort passten.

Ähnlich sieht es mit dem von der rot-grünen Regierung titulierten Atomausstieg aus. Der ist eine Lüge, erklärt Edler, weil alle Atomkraftwerke weiter laufen, weil die Plutoniumfabriken weiter laufen und weil die Castoren weiter rollen. Das Beispiel Obrigheim hat gezeigt, es gibt keinen Atomausstieg. Und solange die AKWs nicht vom Netz gehen, gibt es auch keine Begrenzung der Atommüllmenge und niemand weiß, wohin damit.

Deshalb fordert Greenpeace, die Produktion von radioaktiven Abfällen sofort zu stoppen. Danach muss eine völlig neue, ergebnisoffene und vergleichende Suche nach einer möglichst sicheren Entsorgungsmöglichkeit erfolgen. Allerdings ohne die Karte Gorleben wieder ins Spiel zu mischen, schränkt Edler ein. Diesem Standort wurde ja schon bescheinigt, dass er ungeeignet ist.

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