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Keine Chance bei Flugzeugabsturz auf alte AKW

Greenpeace-Recherchen zu den ältesten Atomkraftwerken belegen das enorme Ausmaß der Katastrophe bei einem schweren Reaktorunfall. Bei vielen Anwohnern der AKW Biblis A und B, Brunsbüttel, Isar 1 und Philippsburg 1 würde die radioaktive Kontamination bereits innerhalb weniger Stunden den behördlichen Grenzwert für eine Evakuierung bis um das Tausendfache überschreiten. Die Behörden ignorieren diese Bedrohung, die durch einen Flugzeugabsturz oder einen Terroranschlag aus der Luft ausgelöst werden könnte.

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Die Gefährdung der Bevölkerung rund um die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke wird von der Atomaufsicht seit Jahren dramatisch unterschätzt. Die Bevölkerung ist einem tödlichen Risiko ausgesetzt, dem sie nicht entkommen kann, sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace.

Dewegen will Greenpeace nun vor Gericht ziehen. Die Ausbreitungsrechnungen belegen, dass Menschen, die 2 bis 25 Kilometer von den jeweiligen AKW entfernt leben, einem tödlichen Risiko ausgesetzt sind. Im Umkreis von 25 Kilometern um die Anlage des AKW Biblis liegt die zu erwartende Strahlendosis bei 14.424 Millisievert in sieben Tagen. Ab einer Dosis von 7.000 Millisievert liegt die Sterblichkeitsrate bei nahezu 100 Prozent. Ein Großteil der Radioaktivität wird in den ersten Stunden nach dem Unfall durch die Luft aufgenommen.

Die Klagen sind möglich nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom April 2008, in dem das Gericht die persönliche Betroffenheit eines Klägers als Klagevoraussetzung anerkannt hat. Den sieben ältesten Atommeilern Biblis A und B, Brunsbüttel, Isar 1 und Philippsburg 1 muss die Betriebsgenehmigung sofort entzogen werden, fordert Smital.

Die Aufsichtsbehörden kennen die Gefahr, aber sie handeln nicht, kritisiert Smital weiter. Interne Dokumente belegten, dass die deutschen Sicherheitsbehörden das Risiko eines Terroranschlags aus der Luft auf ein Atomkraftwerk nicht mehr ausschließen. Die für diesen Fall vorgesehene Abwehrtaktik, das AKW schlicht zu vernebeln, habe sich als unzureichend erwiesen: Das Bundesumweltministerium sah darin jedenfalls 2007 keine wesentliche Verbesserung der Sicherheit der Kernkraftwerke.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) räumte gestern ein, Atomkraftwerke könnten grundsätzlich zu einem Angriffsobjekt von Terroristen werden, die Gefahr sei jedoch gering. Die Zerstörung dieser Meiler aus der Luft würde zur schlimmsten Katastrophe führen, so Heinz Smital. Innenminister Schäuble und Bundeskanzlerin Merkel müssen jetzt sagen, wessen Interessen sie vertreten. Für den gewaltigen Profit der Atomkonzerne wird die Gefährdung der Menschen bewusst oder fahrlässig verheimlicht und verharmlost.

Ein Abschalten der sieben ältesten AKW ist nach Greenpeace-Berechnungen sofort möglich, ohne dass die Stromversorgung beeinträchtigt wird.

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