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Katastrophe von Fukushima erreicht die Nahrungskette

Auch in Fisch und anderen Meeresfrüchten von der Küste Fukushimas scheint sich die Radioaktivität anzureichern. Anfang Mai war Greenpeace mit der Rainbow Warrior vor Ort und hat zwei Wochen lang Proben gesammelt. Schon die ersten Geigerzähler-Tests haben aufschrecken lassen. Teilweise war die radioaktive Kontamination von Meeresalgen so hoch, dass eine Messung nicht möglich war.

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Gemeinsam mit weiteren Proben wurden die Algen in den vergangenen Wochen genauen Tests in unabhängigen Labors in Frankreich und Belgien unterzogen. Dabei bestätigten sich die vorläufigen Ergebnisse. Die Algen lagen z.T. mehr als 50-fach über den erlaubten Grenzwerten. Nur wenige Proben zeigten geringe Belastungen.

In den Labors wurden nun auch in Fisch und anderen Meeresfrüchten erhöhte radioaktive Werte festgestellt. Die meisten Proben sind über die in Japan zulässigen Werte hinaus belastet. Neben Sardellen und "morid fish" sind untersuchte Miesmuscheln, Austern, Seegurken und Seesterne betroffen.

Fehleinschätzung der Verantwortlichen

Die in Fukushima ins Meer entlassene Radioaktivität würde sich verdünnen und verteilen und somit keinerlei Gefährdung für lokale Ökosysteme oder gar aus dem Pazifik gewonnene Lebensmittel darstellen, hieß es aus Japan. Doch es wird immer deutlicher, dass die von japanischen Offiziellen verbreitete Einschätzung falsch ist.

Der vermittelte Optimismus hält den aktuellen Befunden nicht stand. Auch in großer Entfernung zum AKW beweisen die Messwerte, dass auf lange Zeit höchste Vorsicht und umfangreiche Untersuchungen mehr als angebracht sind. Umso mehr als Fisch und etliche weitere Meeresfrüchte wie auch Algen in Japan zu den Grundnahrungsmitteln zählen.

Um die Problematik zu verdeutlichen: Der Verzehr von nur einem Kilogramm hoch belasteter Algen würde zu einer radioaktiven Dosis von 2,8 MilliSievert (mSv) führen. Das entspricht fast dem 3-Fachen des international empfohlenen Standardwertes - für die jährliche Belastung, wohlgemerkt!

Hinzu kommt noch alle sonstige über Lebensmittel aufgenommene Radioaktivität, sowie - vor allem in den Präfekturen um Fukushima herum - die erhöhte Strahlung aus der kontaminierten Umwelt. Zudem bezieht sich der indiskutable erlaubte Jahresdosis-Höchstwert von 20 mSv in Japan - sogar für Kinder - nur auf externe Strahlungsquellen, nicht auf Nahrungsmittel, Wasser oder z.B. inhalierten radioaktiven Staub.

Unabhängige Untersuchungen sind unerlässlich

Die Greenpeace-Ergebnisse passen ins Bild der zuletzt vermehrt auffällig gewordenen Lebensmittel. Tests japanischer Behörden weisen mehr und mehr belastete Meeresprodukte nach. Diese betrafen bisher Fische, Muscheln und Algen - neben den über Grenzwert belasteten Produkten wiesen auch viele weitere stark erhöhte Radioaktivitätswerte auf.

Es handelt sich dabei nur um Lebensmittelkontrollen und noch immer fehlt ein umfassendes Monitoring. Dieses umfasst bisher nur Wasser und Luft. Die Regierung verlässt sich überwiegend auf die von TEPCO durchgeführten Messungen. Dabei hat sich die Betreibergesellschaft von Fukushima in den vergangenen Monaten nicht durch Verlässlichkeit ausgezeichnet.

Unabhängige Messungen sind daher zwingend erforderlich. Auch Greenpeace wird weiter in dieser Richtung tätig sein. Letztlich werden wir erst in Monaten bzw. Jahren einen Eindruck von den Konsequenzen der nuklearen Katastrophe für den Pazifik bekommen.

Doch bei allem Pessimismus: ein gewisser Verdünnungseffekt liegt durchaus vor - führt im Umkehrschluss aber auch zu einer sehr weiträumigen Belastung. Ein ähnliches Unglück in einem deutschen AKW hätte regional weitaus gravierendere Folgen - z.B. für Isar, Neckar oder auch die deutsche Bucht. Ein Grund mehr für den schnellstmöglichen Ausstieg aus der lebensfeindlichen Atomkraft.

(Autor: Dirk Zimmermann)

Orte der Probenahmen der Greenpeace-Experten finden Sie hier

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