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Interaktive Karte zeigt radioaktive Wolke nach Anschlag auf AKW

Wie würde sich ein Terroranschlag auf die Atomkraftwerke Isar 1, Biblis B und Krümmel auswirken? Bei Westwind, Ostwind, Nordwind ... Um das zu demonstrieren, veröffentlicht Greenpeace eine interaktive Ausbreitungskarte. Sie zeigt, wie sich eine radioaktive Wolke bei verschiedenen Wetterlagen in einem Zeitraum von zehn Tagen ausbreiten könnte, wenn es in diesen AKW zu einem Super-GAU käme.

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Die Karte zeigt die möglichen Ausbreitungen für die drei AKW bei acht verschiedenen Hauptwindrichtungen an. Erstellt wurden die Berechnungen durch das Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur in Wien.

Super-GAU, das heißt: Kernschmelze bei offener Reaktorhülle, mit großer frühzeitiger Freisetzung von Radioaktivität. Ein solches Unglück ereignete sich 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl. Auch im über eintausend Kilometer entfernten Deutschland waren die Folgen spür- und vor allem messbar. Strahlende Stoffe wie das Isotop Caesium 137 (Cs 137), die nach der Explosion des Reaktors in die Umgebung freigesetzt worden waren, gelangten in einer radioaktiven Wolke bis nach Europa. Bei sogenannten Fallouts, also radioaktiven Niederschlägen, konnten sich diese Stoffe am Erdboden absetzen. Die Folge: Stellenweise wurde in Deutschland der behördliche Schwellenwert für radioaktive Kontamination durch Cs 137 um das Achtfache überschritten.

In Tschernobyl war der Super-GAU Folge einer Verkettung technischer und menschlicher Fehlleistungen. Denkbar ist jedoch auch ein vergleichbares Unglück durch einen terroristischen Anschlag – etwa durch einen gezielten Flugzeugabsturz. Nach einer Studie der ILK (Internationale Länderkommission Kerntechnik der Länder Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) würden Krümmel, Isar 1 und Biblis B dem Aufprall einer großen Verkehrsmaschine nicht standhalten. Katastrophale Auswirkungen hätte auch ein Beschuss der AKW durch Raketen, Granaten oder panzerbrechende Waffen.

Die Ausbreitungskarte verdeutlicht, wie weitreichend die Folgen eines GAU wären. Beispiel Krümmel: Nach einem schweren Terrorangriff auf das Atomkraftwerk könnten - je nach Wetterlage - nicht nur weite Gebiete Schleswig-Holsteins, Sachsen-Anhalts, Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs, sondern auch Deutschlands Hauptstadt Berlin langfristig unbewohnbar sein. Eine Anzahl von geschätzten 4,7 Millionen Menschen wäre in diesem Szenario von obligatorischen Umsiedelungen betroffen.

Die verschiedenen Kontaminationsgrade durch Cs 137 werden auf der interaktiven Karte durch verschiedene Farben dargestellt. Die Farbzonen nehmen dabei auch Bezug auf Maßnahmen, die nach der Katastrophe von Tschernobyl ergriffen worden sind. Nach der deutschen Strahlenschutzverordnung sind alle Gebiete in den Farben türkis bis rot kontaminiert, alle Gebiete in den Farben orange bis rot müssten großräumig evakuiert werden.

Als Grundlage für die Berechnungen dienten dem Institut reale Wetterdaten des Jahres 1995. Für die verschiedenen Hauptwindrichtungen wurden exemplarisch die Daten von acht Tagen dieses Jahres verwendet. Die unterschiedlichen meteorologischen Bedingungen an diesen Tagen sorgen für unterschiedliche Ausbreitungsszenarien. Die Werte beziehen sich dabei immer auf die Verstrahlung durch das Leitnuklid Cs 137. Andere Nuklide, die nach einem Reaktorunfall freigesetzt werden, sind nicht in die Ausbreitungsberechnungen eingegangen.

(Autor: Benjamin Borgerding)

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