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IAEO-Konferenz: Gefahren der Atomkraft verharmlost

In Wien geht geht an diesem Freitag die Ministerkonferenz der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zu Ende. Ein wichtiges Thema auf der Agenda: die Ereignisse rund um Fukushima und die Folgen der Katastrophe für die weltweite Nutzung von Atomkraft. Greenpeace hat die IAEO-Einschätzungen analysiert. Die Bilanz: Die IAEO-Ministerkonferenz spielt die Gefahren von Atomkraft herunter.

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Greenpeace kritisiert, dass die Atomagentur ihre Bewertung von Fukushima auf regionale Besonderheiten sowie Fehler des japanischen Krisenmanagements reduziere. Der Hauptauslöser für die Reaktorkatastrophe sei laut IAEO der Tsunami - nicht das Erdbeben - gewesen.

"Die IAEO bastelt an einer historischen Lüge", sagt Christoph von Lieven, Energieexperte von Greenpeace. "Laut Aussagen von Wissenschaftlern ist es sehr wahrscheinlich, dass schon das Erdbeben Schäden angerichtet hat und dadurch Leitungen und Struktur der Gebäude und Sicherheitsbehälter betroffen waren. Die IAEO aber vermittelt den Eindruck, der Tsunami wäre hauptverantwortlich für den Super-Gau, um den Schaden für die global operierende Atomindustrie so gering wie möglich zu halten."

Für die weltweite Atompolitik ist dies ein wesentlicher Punkt, denn Erdbeben sind vielerorts wahrscheinlicher als Tsunamis. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Mit dem Verweis auf den Tsunami als Hauptursache der Reaktorkatastrophe legt die IAEO auch die Messlatte für die anstehenden Stresstests zu niedrig. Das ist fatal für die Bewertung von Altreaktoren wie Mochovce oder Krsko, die zwar nicht tsunami-, aber erdbebengefährdet sind.

Auch nach Tschernobyl wollte die IAEO den Ruf von Atomkraft retten

Die IAEO hatte am Montag zwar verbindliche Sicherheitsstandards für die Nutzung der Atomkraft vorgeschlagen, blieb aber in ihren Ausführungen vage. Einige Vertreter von Mitgliedstaaten lehnten die Forderung ganz ab. Greenpeace kritisiert die Vorschläge der IAEO und ihrer Mitgliedstaaten zum weiteren Umgang mit der Atomkraft als unzureichend und als Schritt in die falsche Richtung. Die Konferenz erweckt den Eindruck, dass ein sicherer Betrieb von Atomanlagen durch eine Veränderung der Sicherheitsstandards möglich sei. Dabei würden die direkten Folgen des Erdbebens im Abschlussbericht und im Mission Report der IAEO nicht ausreichend thematisiert.

Die Greenpeace-Analyse kritisiert die IAEO für ihre Äußerung, Strahlendosen von 100 bis 250 Millisievert (mSv) würden das Gesundheitsrisiko nur um einen kleinen Prozentsatz erhöhen. Dass ein geringer Prozentsatz auch für Tausende von Menschen Gesundheitsprobleme oder sogar den Tod bedeuten kann, wie heute noch an den Folgen von Tschernobyl zu sehen ist, wurde dabei in den Hintergrund gestellt. Aus Greenpeace-Sicht wiederholt sich mit dieser Konferenz die Geschichte: Auch nach Tschernobyl erklärte die IAEO, es sei wichtig, die Sicherheit so weit wie menschenmöglich zu erhöhen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Atomenergie wieder herzustellen.

Mit anderen Worten: Die IAEO verharmlost Atomkraft und ihre möglichen Folgen. Greenpeace fordert daher eine vollständige Umstrukturierung der Atombehörde. Ihr Ziel sollte nicht länger sein, die Atomkraft zu fördern und zu verbreiten, sondern sie schrittweise abzubauen und die nuklearen Gefahren schrittweise zu reduzieren.

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Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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