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Aus dem Greenpeace Magazin 3/2011

Hilflos in Biblis

Was wäre, wenn es in einem deutschen Atomkraftwerk zum GAU käme wie in Fukushima? Die Katastrophenschutzpläne sind völlig unzureichend.

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An dem Tag, den es hoffentlich nie geben wird, heulen in Biblis, Groß-Rohrheim, Neuheim und Wattenheim die Sirenen. Eine Minute lang. In Gemeinden, die weniger als fünf Kilometer vom Atomkraftwerk Biblis entfernt sind, hängen noch Sirenen - andernorts wurden sie nach dem Ende des Kalten Krieges abmontiert. Eine Minute Dauerton, das bedeutet: "Radio einschalten und auf Durchsagen achten". Mehr sei erstmal nicht zu tun, erklärt der AKW-Betreiber RWE in einer Notfallbroschüre für die Anwohner. "Rufen Sie bitte nicht bei der Polizei, Feuerwehr oder den Katastrophenschutzbehörden an, um zu erfahren, was los ist. Sie erschweren durch das Belegen der Telefonleitungen die Arbeit der Einsatzkräfte."

Atomalarm in Deutschland. Diese Vorstellung war für die meisten Menschen eher exotisch - bis im Hightech-Land Japan nach dem Tsunami gleich mehrere Reaktoren kollabierten. Das Deutsche Atomforum wiegelte danach immer noch ab: "Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar."

Das mag ja stimmen. Doch auch hierzulande bebt gelegentlich die Erde. Auch an Nordsee oder Rhein gibt es Sturmfluten und Hochwasser. Auch in Deutschland kann der Strom ausfallen. Und seit dem 11. September gilt ein Terroranschlag auf ein AKW nicht mehr als abwegiges Szenario. Zwar sind Kraftwerksbetreiber und Behörden gesetzlich verpflichtet, sich auf schwere Störfälle vorzubereiten. Doch ob die Pläne funktionieren, ist offen. Und bei genauer Betrachtung entpuppen sie sich als völlig ungenügend.

Zum Beispiel Biblis. Die beiden Kraftwerksblöcke sind derzeit abgeschaltet, könnten aber nach Ablauf von Merkels "Moratorium" wieder ans Netz gehen. Rund um die Uhr ist die Rettungsleitstelle im Dachgeschoss des Landratsamtes von Heppenheim/Bergstraße besetzt. Gut 20 Kilometer sind es von hier bis zu den Reaktoren, bei einer Havarie soll vom AKW ein sofortiger Alarm einlaufen. Daneben erfasst die "Kernkraftwerks-Fernüberwachung" (KFÜ) des hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie rings um den Meiler laufend die Radioaktivität.

Per SMS wird dann der Krisenstab alarmiert. Der Landrat, sein Katastrophenschutzleiter, Vertreter von Polizei, Feuerwehr und auch von RWE kommen in die Behörde, wo ein "Stabsführungsraum" mit störungssicheren Funk- und Telefonleitungen vorbereitet ist. Gemeinsam mit Experten der Landesregierung in Wiesbaden wird entschieden, ob und wann die Bevölkerung gewarnt wird. "Im Kernkraftwerk Biblis hat sich ein Störfall ereignet", könnte die erste Durchsage lauten. "Bleiben Sie im Haus, halten Sie Fenster und Türen geschlossen." Die RWE-Broschüre ergänzt: "Der Verbleib in den Häusern bietet einen beträchtlichen Schutz", am besten möge man in den Keller gehen. Und: "Versorgen Sie sich möglichst mit den im Haus vorhandenen Lebensmitteln. Die Behörden empfehlen generell, sich vorsorglich einen Vorrat anzulegen."

Die vollständige Geschichte lesen Sie im aktuellen Greenpeace Magazin 3/2011.

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