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Greenpeace-Diaprojektion am Sarkophag vonTschernobyl

Tschernobyl: Schon vergessen, Frau Merkel? Die Frage war in der Nacht zum Freitag an der maroden Schutzhülle des GAU-Reaktors von Tschernobyl zu lesen. Mit der Diaprojektion erinnerte Greenpeace an die Atomkatastrophe vor 23 Jahren. Sie forderte in den Folgejahren Zehntausende Todesopfer. Hunderttausende erkrankten, über 300.000 Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

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Der Schock über die Nachricht führte damals bei vielen Menschen zu einer neuen Sicht auf die Atomkraft. Länder wie Italien oder Schweden beschlossen, von vornherein auf die Risikotechnologie zu verzichten oder wieder auszusteigen. Heute, 23 Jahre später, scheint die Erinnerung zu verblassen. Die Atomindustrie arbeitet auf Hochtouren daran, die Kernkraft wieder salonfähig zu machen.

Greenpeace fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, die Gefahr verheerender Reaktorunfälle ernstzunehmen. Sie muss sich gegen die Verlängerung von Laufzeiten der ältesten deutschen Atomkraftwerke aussprechen.

Ein Super-GAU wie in Tschernobyl kann sich in einem deutschen Atomkraftwerk ebenso ereignen. Merkel muss den Atomausstieg vorantreiben statt ihn zu behindern, sagt Tobias Münchmeyer, Atomexperte von Greenpeace.

Fünf Monate vor der Bundestagswahl zeigt sich die CDU in der Atomfrage innerlich zerstritten. Obwohl der Bundesparteitag im vergangenen Dezember den Neubau von Atomkraftwerken in Deutschland ausgeschlossen hat, werben CDU-Politiker wie die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Katherina Reiche öffentlich dafür.

Alles spricht gegen Atomkraft. Sie ist gefährlich, zu teuer, sie verhindert neue Arbeitsplätze und blockiert den Klimaschutz. Zudem gibt es weltweit kein einziges Endlager für hochradioaktiven Müll, sagt Tobias Münchmeyer.

In Tschernobyl, 90 Kilometer nördlich der heutigen ukrainischen Hauptstadt Kiew, explodierte in der Nacht auf den 26. April 1986 Block 4 des Atomkraftwerks. Die radioaktive Strahlung breitete sich auch über weite Teile Europas aus und verursachte gesundheitliche Schäden in vielen Ländern.

Ein derartiger Super-GAU würde in Deutschland Kosten von bis zu 5.000 Milliarden Euro für Gesundheits-, Sach- und Vermögensschäden verursachen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Schweizer Prognos AG aus dem Jahr 1988 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Diese Summe übersteigt den Bundeshaushalt um das Zehn- bis Zwanzigfache.

Tobias Münchmeyer hält sich nicht zum ersten Mal in der heute noch hochverstrahlten Zone auf. Vor zwei Jahren hat er über seine Erfahrungen und Eindrücke eine beeindruckende Reportage veröffentlicht: Die neuen Wächter von Tschernobyl.

Er berichtet auch über die diesjährige Fahrt und die Diaprojektion: Rendezvous mit einem Monster

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