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Flammen erreichen verstrahlte Gebiete

Die Feuer in Russland haben bereits in radioaktiv verseuchten Gebieten gewütet. In der Gegend um die Stadt Brjansk nahe der Grenze zu Weißrussland und der Ukraine sollen schon vor Tagen zahlreiche Brände gezählt worden sein. Bestätigt wurden ebenfalls Brände in der Nähe der Atomanlage Majak. Beide Regionen gelten wegen der hohen radioaktiven Strahlung durch Atomunfälle zu den gefährlichsten der Welt. Wir fragen Greenpeace-Atomexperten Christoph von Lieven nach den Folgen.

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Online-Redaktion: Die russische Waldschutzbehörde hat zugegeben, dass es bereits seit Tagen zu Bränden in radioaktiv kontaminierten Gebieten gekommen ist. Was geschieht dann?

Christoph von Lieven: In den verstrahlten Gebieten sind radioaktive Partikel und Kleinstmaterialien im Boden, im Torf, in den Pflanzen gebunden. Durch die Brände wird das gefährliche Material freigesetzt und in die Umwelt entlassen. Es könnte beim Löschen ins Grundwasser gespült werden oder bei Bränden mit der Hitze hochgetrieben und mit dem Wind weiterverteilt werden.

Rund um die Atomanlagen Mayak und Tschernobyl sind große Gebiete sehr stark kontaminiert. Auf tausenden von Quadratkilometern lagert besonders viel radioaktives Material im Boden und ist bisher noch im Torf oder anderem biologischen Material gebunden. Feuer und sehr starke Hitze können dafür sorgen, dass diese radioaktiven Partikel aus dem Trägermaterial gelöst werden. Dann besteht die Gefahr, dass Helfer oder Anwohner diese Teilchen einatmen oder das es woanders zu einem radioaktiven Fall-out kommt.

Online-Redaktion: Wie weit können die Partikel getragen werden? Könnten auch wir in Deutschland davon betroffen werden?

Christoph von Lieven: Das kann niemand so genau sagen, denn es hängt ganz davon ab, wie sich die Brände und die Wetterbedingungen entwickeln. Momentan gehen wir davon aus, dass vor allem die Menschen in den betroffenen oder angrenzenden Regionen gefährdet sind. Ein Gefahr für Westeuropa sehen wir derzeit noch nicht.

Online-Redaktion: Welche Gefahr bedeuten die Feuer für die russischen Atomkraftwerke?

Christoph von Lieven: Elektrizität und Kühlung von Atomkraftwerken sind besonders gefährdet, da sie dem Kraftwerk von außen zugeführt werden. Werden beispielsweise Strommasten zerstört oder durch lange brennende Feuer beschädigt, kann es dazu kommen, dass ein Kraftwerk nicht mehr zu steuern ist. Folge wäre, dass es nicht mehr geregelt heruntergefahren werden könnte. Dasselbe gilt für die Wasserzufuhr: Wenn kein Kühlwasser mehr zugeführt wird, kann das AKW nicht mehr gekühlt werden.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

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