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EPR: AKW-Neubau verhöhnt die Opfer von Tschernobyl

Der 26. April ist untrennbar mit dem Super-GAU von Tschernobyl 1986 verbunden. In Erinnerung an die Katastrophe und ihre Tausende Opfer haben Greenpeace-Aktivisten am Donnerstag auf der Baustelle des EPR in Flamanville/Nordfrankreich den Atomausstieg angemahnt. Mit Bannern an zwei Kränen warnte Greenpeace vor einem erhöhten atomaren Risiko für ganz Europa, sollte der EPR in Betrieb gehen.

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Während die Greenpeace-LKW vor dem Zugang zur Baustelle mit Kränen geräumt und einige Aktivisten vorübergehend festgenommen wurden, harren neun der 30 Greenpeacer auf den Kränen aus. Sie wollen ihren Protest dort oben bis Sonntag fortsetzen. Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy sowie andere Kandidaten der ersten Wahlrunde in Frankreich wurden von Greenpeace zu einem Gespräch vor Ort eingeladen.

Der Europäische Druckwasserreaktor steht für eine neue Generation von Atommeilern. Nach Aussagen der Atomindustrie sollen die neuen Reaktoren besonders sicher sein. Der britische Atomwissenschaftler John Large kommt in einer kürzlich veröffentlichten Studie zu einem anderen Ergebnis.

Large stellt fest, dass vom EPR bei einem Unfall ein noch höheres Verstrahlungsrisiko ausgeht als von den bislang üblichen AKW. Der EPR wird mit MOX-Brennstäben befeuert, das heißt mit Plutonium-Uran-Mischoxid. In einer früheren Studie hatte der Experte zudem festgestellt, dass der neue Reaktortyp auch einem Terrorangriff mittels eines entführten Passagierflugzeugs nicht standhalten würde.

Die Zahl der Menschen, die bei einem GAU sofort evakuiert werden müssten, schätzt Large um fast zwei Drittel höher als bei den herkömmlichen Reaktoren, rund 660.000. Im schlimmsten Fall, dem Super-GAU, würde sie bei mehr als drei Millionen liegen.

Mit der Aktion in Flamanville fordert Greenpeace unmittelbar vor der Stichwahl in Frankreich, das EPR-Projekt auf jeden Fall einzustellen - egal wer die neue Regierung bildet. Der geplante Bau verunglimpft die Opfer von Tschernobyl, sagte Frederic Marillier von Greenpeace Frankreich.

Marillier: Der Bau in Flamanville ebenso wie der im finnischen Olkiluoto basieren auf Lügen und Verdrehungen. Diese Reaktoren sind weder sicher noch wirtschaftlich noch eine Lösung für das Klimaproblem. In Olkiluoto, wo Areva/Siemens den ersten EPR bauen, sind die Arbeiten um eineinhalb Jahre in Verzug. Es wurden über 700 Sicherheitsprobleme entdeckt. Die Kosten liegen um 700 Millionen Euro über dem geplanten Budget.

Die Unwirtschaftlichkeit ist keine neue Erkenntnis. In seiner Ausgabe 43/1997 schrieb der Spiegel über eine Äußerung Heinrich von Pierers: In kleiner Runde rechnet der Chef des Weltkonzerns Siemens gern vor, das Nukleargeschäft des Elektromultis mache etwa zwei Prozent des Umsatzes aus, aber 90 Prozent des Ärgers.

Jeder Euro, der in diese riskante, teure und sinnlose Technologie fließt, ist vergeudet. Im Report Energy [R]Evolution führt Greenpeace aus, wie die Welt ihr Energie- und Klimaproblem lösen kann: mit einer Kombination aus Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz.

Publikationen

Energy Revolution: 1. Auflage

Der Klimawandel ist in vollem Gange und zum größten Teil vom Menschen gemacht. Deshalb kann auch der Mensch etwas tun um den Klimawandel noch aufzuhalten.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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