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Ein Moratorium reicht nicht - abschalten!

Heute hat sich Kanzlerin Merkel mit den fünf Ministerpräsidenten getroffen, in deren Bundesländer Atomkraftwerke stehen. Das Ergebnis: Die sieben ältesten AKW sollen über eine Dauer von drei Monaten vom Netz. Und danach?

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Update: Uralt-Meiler Neckarwestheim 1 soll dauerhaft stillgelegt werden. Das verkündete gerade Ministerpräsident Mappus im Stuttgarter Landtag - einige Tage vor den Landtagswahlen. Der sonst übereifrigste Verfechter der Atomkraft sagt einige Tage vor der Landtagswahl, es stelle sich die Frage der "Verantwortbarkeit der Kernkraft"

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Gestern hatte Merkel angekündigt, die Laufzeitverlängerung für drei Monate auszusetzen. Heute nun die Entscheidung: Die sieben ältesten AKWs sollen stillgelegt werden - für genau drei Monate. Alle Atomkraftanlagen in Deutschland sollen zudem einen eingehenden Sicherheitscheck unterzogen werden.

Nach dem atomaren Notstand sind die Menschen hierzuladen besorgt. Immer mehr fordern den Austieg aus der Atomenergie. Wie ist die heutige Entscheidung einzuschätzen?

Das vorübergehende Ausschalten und Überprüfen der sieben ältesten Schrottmeiler ist reines Wahlkampfmanöver. Wenn die Landtagswahlen der nächsten Wochen vorüber sind, werden die Kraftwerke wieder ans Netz gehen, stellt Tobias Münchmeyer, Greenpeace-Sprecher, klar. Ein Bauernopfer, das Frau Merkel da bringt? Mit ihrer Entscheidung könnte sie den baden-würrtembergischen Ministerpräsidenten Mappus - immer ein vehementer Verfechter der Atomkraft - über die anstehenden Landtagswahlen am 27. März 2011 retten.

Betroffen sind folgende Meiler:

  • Hessen: Biblis A und B
  • Baden-Württemberg: Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1
  • Schleswig-Holstein: Brunsbüttel, auch das abgeschaltete AKW Krümmel bleibt vom Netz
  • Bayern: Isar I
  • Niedersachsen: Unterweser

Warum die Reaktoren vor 1980?

Die Entscheidung, die Reaktoren stillzulegen, die vor 1980 ans Netz gingen, scheint willkürlich. Entscheidendes Kriterium ist das Baudesign, nicht das Jahr der Inbetriebnahme. Frau Merkel hat allerdings vergessen, den Pannenreaktor Krümmel in das Moratorium einzubeziehen, obwohl er nahezu baugleich mit Philippsburg oder Isar I ist, so Münchmeyer. Das AKW Krümmel hat ein Baudesign von 1969, ging allerdings erst nach 1980 ans Netz. Es ist dermaßen frisiert, dass es als eins der unsichersten Reaktoren in Deutschland gilt. Greenpeace fordert, die acht gefährlichsten Pannenmeiler - inklusive Krümmel - endgültig stillzulegen.

Greenpeace-Sprecher Münchmeyer kommentiert: Die Maßnahme zeigt, dass durch eine Abschaltung von sieben Atomkraftwerken keine Stromlücke entsteht, die Lichter nicht ausgehen, kein Strom aus Frankreich importiert werden muss und die Strompreise nicht steigen. Dass Abschalten, die einzige Lösung ist, haben Greenpeace-Aktivisten heute morgen in Berlin mit einer Projektion ans Kanzleramt unterstrichen.

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