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Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 5

Noch gehen nur wenige Menschen in Japan gegen die Atomkraft auf die Straße, doch viele sind empört über die Energiepolitik ihres Landes. Vito Avantario und Enno Kapitza (Fotos) haben einige für das Greenpeace Magazin gefragt: Wie hat die Jahrhundertkatastrophe das Land verändert? (Aus dem Greenpeace Magazin 2/2012)

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Am 11. März 2011 wird Japan vom stärksten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Mit dem Beben und dem verheerenden Tsunami wird ein drittes Horrorszenario wahr - das AKW Fukushima Daiichi gerät außer Kontrolle. Millionen Menschen weltweit bangen mit den Menschen in Japan. Die Folgen der Katastrophe erschüttern das Land auch heute noch.

Stimmen aus Japan:

Tomoyuki Taira (52), Politiker

Der Abgeordnete der Demokratischen Partei Japans stammt aus Kyoto und ist Mitglied der Kommission, die die Vorfälle in der Reaktoranlage Daiichi untersucht.

Wie die Weltöffentlichkeit rätselt auch unser Ausschuss darüber, was genau in dem Atomkraftwerk während und nach dem Erdbeben geschehen ist. Obwohl wir Tepco monatelang dazu aufgefordert haben, Einsicht in das umfangreiche Handbuch der Anlage zu erhalten, hat unsere Kommission bis heute nur ein Zehntel des Buchs erhalten. Unser Ausschuss kann die technischen Ursachen für den Kollaps des Atomkraftwerks nicht untersuchen, solange Tepco taktiert und nicht kooperiert. Deshalb fordern wir, die Reaktoranlage zu verstaatlichen, um eigene Experten hineinschicken zu können: Wir wollen beispielsweise wissen, was genau in den 6 Minuten und 50 Sekunden geschehen ist, die die Tsunamiwelle nach dem Erdstoß benötigt hat, um das Kraftwerk zu erreichen. Tepco behauptet, erst die 15 Meter hohe Welle habe den Reaktor funktionsunfähig gemacht. Unsere Kommission hat Zweifel an dieser Version. Hat das Management nach dem Beben die richtigen Entscheidungen getroffen? Ich kenne Mitarbeiter von Tepco, die die Wahrheit sagen möchten, aber lieber schweigen, weil sie Angst davor haben, entlassen zu werden. Wir wollen endlich Klarheit auch darüber, wie viel hochradioaktives Wasser sich noch in den Reaktoren befindet. Es droht in den Boden abzusickern oder zu verdampfen. Tepco behauptet, es seien 76 Millionen Liter. Unsere Kommission geht davon aus, dass es wesentlich mehr sind.

Hajime Matsumoto (38), Anarchist

Er kauft, verkauft und tauscht gebrauchte Mixer, Bügeleisen, E-Gitarren, Radios und Bücher. Sein Laden in Tokio war eine der Keimzellen der Großdemos im letzten Jahr.

Mein Laden gehört zu einer Reihe von Geschäften im Keonji-Viertel. Wir Besitzer haben uns einer Bewegung angeschlossen, die wir Shiroto No Ran nennen: die Revolte der Amateure. Ich hasse das moderne, industrielle Japan. Diese Gesellschaft ist auf Verschwendung von Naturressourcen und Ausbeutung von Menschen aufgebaut.

Nachdem der Atommeiler in Fukushima explodierte, kamen wir auf die Idee, gegen Atomkraft auf die Straße zu gehen. Also begannen wir, in meinem Laden die erste große Demonstration zu organisieren. Wir malten Plakate, verteilten Flyer und luden Leute über Twitter und Facebook ein. 20.000 Menschen kamen am 11. April zu unserer 'Sound-Demo'. Diese Art von Kundgebung wurde erstmals im Jahr 2003 auf dem Shibuya-Platz in Tokio abgehalten. Musiker, DJs und Aktionskünstler demonstrierten damals mit Musik-, Theater- und Kunstperformances gegen den Irakkrieg von George Bush.

'Sound-Demos' haben das Ziel, Aufmerksamkeit zu erzeugen und politischen Protest attraktiv zu machen für Menschen, die sonst Demonstrationen meiden. Die letzte Großdemo haben wir im vergangenen Jahr am 11. September organisiert. Damals wurden zwölf Personen verhaftet. Wissen Sie warum? Weil die Polizei festgelegt hatte, dass eine Kundgebung in vier Reihen verlaufen soll. Als daraus unkontrolliert eine fünfte entstand, kam es zu Festnahmen. Sechs der Demonstranten wurden für drei Wochen eingesperrt. Danach haben wir beschlossen, keine Großdemos mehr zu organisieren, sondern kleine Protestgruppen in den Stadtvierteln Tokios zu unterstützen.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Greenpeace Magazin 2.2012.

Folge 1
Folge 2
Folge 3
Folge 4

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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