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Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 4

Noch gehen nur wenige Menschen in Japan gegen die Atomkraft auf die Straße, doch viele sind empört über die Energiepolitik ihres Landes. Vito Avantario und Enno Kapitza (Fotos) haben einige für das Greenpeace Magazin gefragt: Wie hat die Jahrhundertkatastrophe das Land verändert? (Aus dem Greenpeace Magazin 2/2012)

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Am 11. März 2011 wird Japan vom stärksten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Mit dem Beben und dem verheerenden Tsunami wird ein drittes Horrorszenario wahr - das AKW Fukushima Daiichi gerät außer Kontrolle. Millionen Menschen weltweit bangen mit den Menschen in Japan. Die Folgen der Katastrophe erschüttern das Land noch heute.

Stimmen aus Japan:

Erika (39), und Kosmas Kapitza (45), Musiker

Als die Reaktoranlage Fukushima Daiichi havarierte, war das Ehepaar zu Besuch bei Erikas Eltern in der Präfektur Okinawa. Die südlichste Inselgruppe Japans liegt rund 2000 Kilometer von ihrem Wohnort Tokio entfernt.

Erika: Als ich von dem Unfall hörte, war mein erster Gedanke: Wir werden nie wieder nach Tokio zurückkehren können. Diese Vorstellung löste gewaltigen psychischen Stress in mir aus. Ich verbrachte viele schlaflose Nächte. Drei Wochen nach dem Erdbeben wagten wir uns dann zurück nach Tokio. Wenn heute die Erde bebt, was sie in Japan häufig tut, steigt in mir unwillkürlich die Furcht vor einer neuen Atomkatastrophe auf. Es ist, als würde es in mir nach jedem Erdbeben zu einem seelischen Nachbeben kommen.

Kosmas: In den Wochen nach der Katastrophe gab es kaum Benzin an den Tankstellen zu kaufen. Heute ist mein Auto deshalb immer vollgetankt. Unsere wichtigsten Dokumente haben wir in einer Tasche griffbereit deponiert. Sollte es zu einem mittelstarken Beben in der Nähe des Atomkraftwerks kommen und die Anlage vollständig kollabieren, werden wir Tokio sofort verlassen und in Richtung Okinawa fliehen. Deutschland wäre auch ein mögliches Ziel. Dort kann man das Leitungswasser trinken. In Tokio trinke ich es nicht mehr.

Kenichi Mishima (69), Historiker und Sozialphilosoph

Der japanische Übersetzer von Adorno und Habermas hat die Kritische Theorie in Ostasien bekannt gemacht. Mishima hat in Deutschland studiert. Er ist Ehrendoktor der Freien Universität Berlin und lehrt an der Universität Tokio.

Nur eine Woche nach dem Atomunfall von Fukushima hatten die Supermärkte ihre Produktpalette umgestellt: Gemüse, Obst und Fisch kamen plötzlich aus dem Süden Japans. Nahrungsmittel aus Fukushima waren aus den Regalen verschwunden. Beim Einkaufen vertraue ich auf die Angaben der Geschäfte. Warum? Weil der Kapitalismus unerbittlich ist: Kein Geschäft kann es sich nach dem Super-GAU leisten zu lügen. Käme dies heraus, wäre der Supermarkt am Ende.

Die Verlogenheit der japanischen Politik hat bisher verhindert, dass ein neues Energiekonzept auf den Weg gebracht wird. Deutschland hat panisch den Ausstieg beschlossen - als läge Fukushima im Ruhrgebiet. In Japan dagegen wird es noch Jahre dauern, bis es so weit ist. Ich habe mir inzwischen ein Smartphone zugelegt. Mein altes Handy konnte die Erdbebenwarnungen der zuständigen Behörden nicht empfangen. 30 Sekunden vor einem Beben warnt mich nun eine App, damit ich mich in Sicherheit bringen kann.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Greenpeace Magazin 2.2012.

Folge 1
Folge 2
Folge 3

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