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Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 1

Noch gehen nur wenige Menschen in Japan gegen die Atomkraft auf die Straße, doch viele sind empört über die Energiepolitik ihres Landes. Vito Avantario und Enno Kapitza (Fotos) haben einige von ihnen für das Greenpeace Magazin gefragt: Wie hat die Jahrhundertkatastrophe das Land verändert? (Aus dem Greenpeace Magazin 2/2012)

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Am 11. März 2011 wird Japan vom stärksten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Mit dem Beben und dem verheerenden Tsunami wird ein drittes Horrorszenario wahr - das AKW Fukushima Daiichi gerät außer Kontrolle. Millionen Menschen weltweit bangen mit den Menschen in Japan. Die Folgen der Katastrophe erschüttern das Land noch heute.

Stimmen aus Japan :

Hidekazu Yoshida (98), Kulturkritiker

Yoshida gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten des japanischen Kulturlebens und wurde zur Person mit besonderen kulturellen Verdiensten (Bunka Korosha) ernannt.

Ich bin ein alter Mann und nehme nicht mehr am gesellschaftlichen Leben in Japan teil, sondern befinde mich bereits im Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Vielleicht meinen manche Leute deshalb, mir stünde es nicht zu, die Reaktorkatastrophe von Fukushima zu beurteilen. Doch leider kann ich nicht anders: Japaner haben in den letzten hundert Jahren kolossale Dummheiten angerichtet. Wir zogen 1937 in den Krieg gegen China, was von einigen Historikern als der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkrieges angesehen wird. Und wir bauten unzählige Atomkraftwerke in unserem Land, von denen wir behaupteten, sie seien sicher. Doch der Super-GAU von Fukushima hat gezeigt, dass Atomkraftwerke das Leben nicht sicherer machen - sie machen es zerbrechlicher als es ohnehin schon ist. Ich verspüre keine besondere Lust mehr, in diesem Land weiterzuleben.

Kaori (45), Hausfrau, Maja (12), Schülerin, und Shin (52), Architekt

Die Familie Tanoue lebt in Arawaba-Ku, einem von Tokios 23 Stadtbezirken. Sie fühlt sich von der Regierung verraten und von den Behörden schlecht informiert. Doch Tokio verlassen? Niemals.

Maja: Viele von uns Schülern wussten nicht, wie gefährlich radioaktive Strahlung ist. Im Unterricht haben wir die Reaktorkatastrophe kaum behandelt, nur zwei Stunden lang im Fach Sozialkunde. Das ist ein Jahr her. Erst als Männer in Overalls in unserer Schule auftauchten und Messungen durchführten, erahnten wir die Gefahr: Es sprach sich unter uns Schülern herum, dass die Männer an einer Regenrinne erhöhte Strahlung festgestellt hatten. Radioaktiver Fallout aus Fukushima hatte uns in Tokio erreicht. Die Schule wurde vorübergehend geschlossen und die Regenrinne dekontaminiert.

Kaori: Als Hausfrau koche ich dreimal am Tag. Wenn ich einkaufe, ertappe ich mich dabei, wie ich mich notgedrungen auf die Lebensmittelkontrollen der Regierung verlasse - obwohl ich ihr eigentlich nicht traue. Doch wo sollen wir hin? Wir leben seit Jahrzehnten hier. Selbst wenn ein weiteres Beben die Reaktoranlage Daiichi zerstören sollte, wäre es für mich undenkbar, aus Japan, Tokio oder auch nur unserem Viertel wegzuziehen.

Shin: Mehr als die Atomkatastrophe haben mich die Reaktionen vieler Politiker schockiert: Sie haben die Bevölkerung im Unklaren darüber gelassen, welche Gefahren von der radioaktiven Strahlung ausgehen. Diese Leute würden kaltblütig Kinder opfern, wenn sie dadurch ihren Kopf aus der Schlinge ziehen könnten. Mein Vertrauen in dieses Land ist erschüttert. In der Nacht verfolgen mich Alpträume, in denen Erdbeben das Leben unserer Familie zerstören.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Greenpeace Magazin 2.2012.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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Seit dem Super-GAU reist Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomkraft, jährlich für Strahlenmessungen nach Fukushima. Hier erzählt er von seiner Tour im vergangenen September.

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