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Der Castor ist angekommen

Für eine Welt ohne Atomkraft haben Dienstagmorgen um zwei Uhr 20 Greenpeace-Aktivisten einen 60 Meter hohen Förderturm auf dem Gelände des geplanten Endlagers Gorleben erklommen. Bei eisigen Tempraturen spannten sie ein Banner: Atommüll sicher lagern? - Hier sicher nicht!. Mit Trauerbinden und einem großen Trauerflor begleiteten weitere 50 Umweltschützer die Aktion auf dem umliegenden Gelände. Damit nahmen sie Bezug auf den tragischen Unfall in Frankreich, bei dem vorgestern ein 21-jähriger Atomkraftgegner zu Tode kam.

Atomkraft nimmt keine Rücksicht auf die Belange der Menschen, sagt Thomas Breuer, Atomexperte bei Greenpeace. Weder in Frankreich, wo täglich gefährliche Transporte durchs ganze Land gehen, ohne dass die Ängste der Bevölkerung ernst genommen werden, noch hier im Wendland, wo ein Atommüllendlager in einem undichten Salzstock geplant ist.

In Gorleben werden die zwölf Castor-Behälter zunächst für 40 Jahre in das oberirdische Zwischenlager gestellt. Jeder zusätzliche Castor ins Wendland soll das Endlager herbeizwingen. Aber egal wie viele Castoren mit Staatsgewalt ins Zwischenlager gebracht werden, Gorleben wird niemals ein sicheres Endlager werden, sagt Breuer. Der Salzstock in Gorleben ist undicht. Strahlenden Müll unter solchen Bedingungen zu lagern, ist so unverantwortlich wie ein Atomkraftwerk auf einer Erdbebenspalte zu bauen.

Laut der Sicherheitskriterien für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in einem Bergwerk der von der Bundesregierung beauftragten Reaktorsicherheitskommission (RSK) von 1983 muss ein sicheres Endlager für hochradioaktiven Müll vor allem eines aufweisen: ausreichende Gesteins-Barrieren zwischen dem Atommüll und dem Grundwasser, um eine radioaktive Verseuchung des Trinkwassers auszuschließen.

Genau das ist in Gorleben aber nicht gegeben. In der so genannten Gorlebener Rinne liegen Geröll und Grundwasser direkt auf dem Salz, das geforderte Deckgebirge fehlt auf einer Fläche von 7,5 Quadratkilometern. Obwohl dies bereits seit den 1980er Jahren bekannt ist, halten Atomkonzerne wie E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW am unsicheren Standort Gorleben fest. In den letzten Jahren hat die Industrie knapp 1,25 Milliarden Euro in Gorleben investiert. (bes)

Update Gorleben - Der Castortransport ist am Dienstagmorgen gegen halb zehn im Zwischenlager Gorleben eingetroffen. Am Verladebahnhof hatte es zunächst eine kleine Panne gegeben, als einer der LKW wegen eines Motorschadens ausfiel. Ein als Reserve bereitgehaltener Truck übernahm die Ladung. Auf dem Gelände des geplanten Endlagers sind die Greenpeacer und Greenpeacerinnen inzwischen vom Förderturm heruntergestiegen.

Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer sieht in den zwölf neu angekommenen Castoren zwölf weitere Beweise für den fehlenden Willen, nach einer sicheren Lösung für den Atommüll auch nur zu suchen. Die Gesundheit zukünftiger Generationen im Wendland sei den Verantwortlichen offensichtlich völlig egal.

Er forderte die rot-grüne Bundesregierung auf, endlich nach anderen Möglichkeiten der Atommüll-Entsorgung suchen zu lassen und den Endlager-Plan für Gorleben zu den Akten zu legen.

Breuer weiter: Der tödliche Unfall des Atomkraftgegners in Frankreich hat uns wie alle Teilnehmer des Protestes und ihre Unterstützer sehr bestürzt. Ein so tragisches Unglück darf in Zukunft nicht wieder vorkommen. Trotzdem müssen und werden die friedlichen Proteste gegen die Atomenergie und die Lagerung von Atommüll in Gorleben weitergehen.

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