Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Atomtechnologie bringt Versorgungsrisiko

Schweden hat nach einer Beinahe-Katastrophe in seinem Atomkraftwerk Forsmark-1 vier Atomreaktoren abgeschaltet. Fieberhaft wird nach der Fehlerursache gesucht. Besonders prekär: auch deutsche AKW könnten so einen schwerwiegenden Störfall wie in Schweden erleiden. Dazu interviewten wir den Greenpeace-Atomexperten Heinz Smital.

  • /

Greenpeace Online: Was ist eigentlich in Schweden geschehen?

Heinz Smital: Ein Atomkraftwerk erzeugt nicht nur Strom, es braucht auch Strom, damit die Steuerung, die Pumpen etcetera weiter laufen können.

In Schweden ist durch einen Kurzschluss das Netz ausgefallen und das AKW war auf die Notstromversorgung angewiesen. Die Notstromversorgung besteht aus großen Dieselgeneratoren. Doch die müssen erst einmal auf Touren kommen. In der Zwischenzeit sollen große Akkumulatoren oder Batterien und ein so genannter Wechselrichter für einen steten Stromfluss sorgen. Sonst gehen die Bildschirme aus.

Und genau bei dieser Wechselrichtereinheit, die von AEG stammt und 1992 von AEG geliefert wurde, hat es Aussetzer gegeben. Mit der Folge, dass die Bildschirme in der Kommandozentrale ausgefallen sind.

Dort hatte man keinerlei Informationen, wie es im Reaktorkern mit den Brennstäben und dem Wasser tatsächlich aussah. Das war ein Blindflug, ein Geisterbetrieb für ungefähr 23 Minuten.

Greenpeace Online: Unmittelbar vor dem Versagen der Notstromversorgung, soll aber noch ein Notstopp erfolgt sein ...

Heinz Smital: Das stimmt. Es ist nur so, wenn abgeschaltet ist und es gibt keine Kühlung, kommt es zur Kernschmelze. Unmittelbar nach Abbruch der Kettenreaktion hat ein Reaktor dieser Größe noch einige Hundert - 200, 300 - Megawatt thermische Leistung, die den Kern zusammenschmelzen lassen. Dafür braucht man dringend die Notkühlung. Wenn aber gar kein Strom vorhanden ist, fällt auch diese aus. Insofern sind wir schon knapp dran an der Kernschmelze.

Greenpeace Online: Auf so einen Vorfall wie in Forsmark sind die Verantwortlichen doch vorbereitet? Das hat man doch im Sicherheitskonzept berücksichtigt?

Heinz Smital: Was den Vorfall in Schweden so gravierend macht, sind zwei Sachen. Bisher hatte man in der Sicherheitsphilosophie von Atomkraftwerken gedacht, man kriegt Sicherheit durch Redundanz. Also indem man mehrere gleichwertige Geräte neben einander stellt. Und wenn eins kaputt geht, dann funktioniert noch das andere.

Wenn wir aber einen systematischen Fehler haben und eine ganze Notfalllinie ausfällt, steht man plötzlich mit leeren Händen da. Das ist ein sehr ernstes Problem, weil es in der Sicherheitsphilosophie von Atomkraftwerken fehlt. Und zwar bei allen AKW der ganzen Welt.

Eine andere Sache, die Schweden ebenfalls deutlich gezeigt hat: Atomtechnologie ist eine Risikotechnologie und damit ist auch ein Versorgungsrisiko verbunden. Im Moment sind in Schweden fünf von insgesamt zehn AKW im Lande nicht am Netz - also mal eben die Hälfte. Eine Größenordnung, die man sich bislang vielleicht gar nicht vorstellen konnte. Aber wenn man die Energieversorgung auf einige wenige große Kraftwerke stützt und die brechen einem dann weg, hat man ein sehr hohes Versorgungsrisiko.

Greenpeace Online: Kann man den Betreibern von AKW in Deutschland glauben, wenn sie jetzt mit der Behauptung auftreten, dass hierzulande keine Gefahr bestehe?

Heinz Smital: Im Moment untersucht Schweden noch, woran es genau gelegen hat. Warum fällt die eine Linie aus? Und die andere nicht? Auch in Deutschland verlangt das Bundesumweltministerium von den Landesaufsichtsbehörden Informationen. Da werden noch sehr viele Informationen zusammengetragen. Man versteht den Vorfall noch nicht genau, man hat die Datenlage noch nicht.

Um so unverständlicher und verantwortungsloser von den Betreibern sich hinzustellen und zu verkünden, bei uns kann das nicht passieren. Wie kann man etwas ausschließen, wenn man noch gar nicht weiß, was man überhaupt ausschließt?

Greenpeace Online: Welche Konsequenzen müssen aus dem Vorfall in Schweden gezogen werden?

Heinz Smital: Weil Atomkraft so eine große Risikotechnologie ist, wird sehr vieles geheim gehalten, geradezu militärisch geschützt. Das zeigt zum einen: Es geht eine große Gefahr von der Technologie aus. Andererseits haben andere, externe Experten keine Möglichkeit, etwas nachzuprüfen. Das vergrößert die Verantwortung, die auf den Betreibern und der Aufsichtbehörde liegt enorm.

In Hinblick auf das nun deutlich zutage getretene Versorgungsrisiko bei AKW fordern wir die CDU auf, ihren Pro-Atomkurs zu überdenken. Wir fordern den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomtechnologie.

Greenpeace Online: Heinz, vielen Dank für das Gespräch!

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

Mehr zum Thema

Es ist zwei vor Zwölf

Die UN wollen Atomwaffen verbieten, der Vertrag wird gerade ratifiziert. Nur: die Atommächte machen nicht mit. Ein Interview mit Greenpeace-Experte Heinz Smital und Alexander Lurz.

Sicherheit ist gutes Recht

Frankreichs AKW haben ernste Sicherheitsmängel; darauf machten Greenpeace-Aktivisten mit friedlichem Protest aufmerksam. Ein AKW-Betreiber zog vor Gericht – mit mäßigem Erfolg.

Schlechter Gewinner

Frankreichs Präsident Macron wird für seine Vision Europas mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Doch sein Beharren auf Atomkraft verdient keine Würdigung, sagen Greenpeace-Aktivisten.