7. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über Biologische Vielfalt (CBD) 2004

Schutzgebiete für Urwälder und Meere

Urwälder und Meere befinden sich weltweit in einem alarmierenden Zustand: Nur 20 Prozent der ehemaligen Urwälder existieren heute noch in großen zusammenhängenden Gebieten. Die Meere werden überfischt, industriell ausgebeutet und verschmutzt. Um diese Lebensräume und die Vielfalt ihrer Tiere und Pflanzen zu erhalten, brauchen wir ein weltweites Netzwerk von Schutzgebieten – im Wasser und an Land.
  • /

Diese Aufgabe muss die kommende UN-Konferenz zum Schutz vonUrwäldern und Meeren in Kuala Lumpur, Malaysia, bewältigen. Dort müssensich alle Regierungen zu einer sofortigen verbindlichen Umsetzungverpflichten - und die reichen Länder müssen Geld auf den Tisch legen.

Was ist die CBD?

Auf dem UN-Gipfel zu Umwelt und Entwicklung 1992 im brasilianischenRio de Janeiro trafen sich erstmals die Regierungen der Erde, umLösungen für die globalen Umweltkrisen zu suchen. Die Klimaveränderungund der dramatische Verlust an Urwäldern auf der Erde wurden alsbesonders bedrohlich erkannt. Abschließend wurde unter anderem dieKonvention über Biologische Vielfalt (Convention on BiologicalDiversity, CBD) unterzeichnet, dieseit 1994 in Kraft ist. Mit der CBDsteht nach Rio ein völkerrechtlich verbindliches Übereinkommen zurVerfügung. 188 Staaten und die Europäische Gemeinschaft sindVertragsparteien der CBD.

Krise der Urwälder und Meere

Die Urwälder der Erde sind Lebensraum von zwei Dritteln der Landlebenden Pflanzen und Tiere. Sie bieten traditionell lebenden Völkerneine Heimat und sind deren kulturelle Wurzeln. Die meisten Urwälderwerden durch industriellen Holzeinschlag und die Umwandlung inlandwirtschaftliche Flächen zerstört. Gegenwärtig sind nur zwölfProzent aller Land-Ökosysteme, einschließlich der Urwälder, zum Schutzausgewiesen.

Ozeane bedecken 70 Prozent der Erdoberfläche und beherbergen diegrößte Artenvielfalt unseres Planeten. Doch die Zeichen der Zerstörungsind allgegenwärtig: ölverschmutzte Strände, abgestorbeneKorallenriffe, leer gefischte Gebiete. Wasser, Meeresboden undOrganismen sind mit Giftstoffen belastet. Weltweit sind bisher wenigerals 0,5 Prozent der Meere als Schutzgebiet ausgewiesen. Damit sich dieTier- und Pflanzenwelt der Meere weltweit erholen kann, sind Netzwerkevon Schutzgebieten notwendig.

Warum ein Netzwerk von Schutzgebieten?

Nur durch ein weltweites Netzwerk von Schutzgebieten kann dasArtensterben aufgehalten werden. Dieses Netzwerk sollte nicht aus einemFlickenteppich bestehen, sondern große zusammenhängende undländerübergreifende Gebiete enthalten. Die insgesamt geschützte Flächemuss erheblich gesteigert werden. Bereits bestehende Schutzgebietemüssen durch länderübergreifende Korridore miteinander verknüpft werden.

Ein Beispiel: In den drei benachbarten afrikanischen Ländern Gabun,Kamerun und Kongo gibt es bereits geschützte Urwaldregionen. Für denArtenschutz wäre eine Verknüpfung der Schutzgebiete sinnvoll, da sichTiere und Pflanzen über Grenzen hinweg bewegen und ausbreiten.

Schutz-Kategorien

Nach den Vorstellungen von Greenpeace sollte jedes Schutzgebiet inmehrere Zonen eingeteilt werden. In den schützenswertesten Teilen desUrwaldes soll zum Beispiel gar nicht mehr eingeschlagen werden dürfen.Ölbohrungen, Goldsuche und Straßenbau sollen verboten sein. Um diestrikten Schutzzonen herum muss der Wald nach ökologisch und sozialnachhaltigen Kriterien bewirtschaftet werden. Einzigartiges Beispieldafür: das weltweit anerkannte Waldzertifizierungssystem des ForestStewardship Council (FSC). Das FSC-Siegel garantiert dem Käufer, dassbei der Holzgewinnung keine Urwälder zerstört wurden. In sozertifizierten Wäldern ist Kahlschlag verboten, Bäume werden nureinzeln entnommen. Abgestorbene Bäume bleiben als Totholz imWald und sind dort wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen.Chemieeinsatz und Düngung mit dem Ziel, den Holzertrag zu steigern,sind verboten.

Auch in den Meeren sollten Schutzgebiete in Kern- und Pufferzoneneingeteilt werden. 30 bis 40 Prozent der Meeresökosysteme solltenstrikt geschützt werden. Industrielle und zerstörerische Aktivitätenwie Fischerei, Öl- und Gasförderung, Sand- und Kiesabbau sind insolchen Kernzonen nicht erlaubt. In den Pufferzonen soll einemenschliche Nutzung in begrenztem Maße erlaubt sein, zum Beispiel dienicht industrielle Fischerei, Ökotourismus oder die Einrichtung vonWindparks.

Bei der Wahl der Meeresschutz-Gebiete kommt bereits sehr zerstörtenRegionen wie der Nord- oder Ostsee eine besondere Rolle zu, dieTier-und Pflanzenwelt dort braucht dringend Schutz. Aber auch die HoheSee – Hunderte von Meilen vom Festland entfernt – beherbergt eineeinzigartige, oftmals noch unberührte Artenvielfalt, die geschütztwerden muss.

Das Netzwerk von Schutzgebieten für Urwälder und Meere kann nur dann als effektiv bezeichnet werden, wenn dort tatsächlich keine Tier- und Pflanzenarten mehr durch menschliche Einwirkung aussterben.

Die derzeit zum Schutz ausgewiesenen Gebiete existieren zum Teil nurauf dem Papier. Obwohl es verboten ist, wird in vielen Schutzgebietengewildert oder gerodet. Viele werden so schlecht gemanagt, dass derLebensraum der dort heimischen Tiere und Pflanzen nicht geschützt wird.Oft fehlt das notwendige Geld, um ausreichende Kontrollen durchzuführen.

Artensterben bis 2010 deutlich verringern

Mit Artikel 8 der CBD haben die Vertragsstaaten die Einrichtungeines Netzwerkes von Schutzgebieten ratifiziert. Bis heute ist dieseVerpflichtung nicht erfüllt worden.

Im April 2002 beschloss die CBD auf ihrer letzten Konferenz in Den Haag, das weltweite Artensterben bis 2010 deutlich zu verringern.Diesem Ziel haben sich die Staats- und Regierungschefs auf demWeltgipfel für Nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg imSeptember 2002 angeschlossen.

Im November 2003 empfahl der wissenschaftliche Beirat der CBD(Subsidiary body of Scientific, Technical and Technological Advice,SBSTTA), unter Einbeziehung indigener Völker bis 2010 einSchutzgebiets-System einzurichten. Auf der CBD-Vertragsstaatenkonferenzim Februar in Malaysia muss es darum gehen, diese Empfehlungen inBeschlüsse umzusetzen und ihre Finanzierung zu sichern.

Geld muss auf den Tisch

Dem Fünften Weltparkkongress im September 2003 zu Folge sindweltweit insgesamt etwa 33 Milliarden US-Dollar (etwa 26 MilliardenEuro)jährlich erforderlich, um die bestehenden Schutzgebiete zuerhalten und neue Schutzgebiete einzurichten. Investiert werden bisherjedes Jahr weltweit nur acht Milliarden US-Dollar (etwa sechsMilliarden Euro) für Schutzgebiete.

Die fehlenden 25 Milliarden US-Dollar (etwa 20 Milliarden Euro) proJahr müssen die Regierungen auf dem nächsten UN-Gipfel in Malaysia zumSchutz von Urwäldern und Meeren zur Verfügung stellen. Jede Nationsollte zu einem, seinen ökonomischen Möglichkeiten entsprechendenBeitrag angehalten werden. Die deutsche Bundesregierung sollte jährlicheine Milliarde Euro bereitstellen.

Urwald unter Schutz

Greenpeace kämpft seit Jahrzehnten international für den Schutz derWälder. Über 30.000 Quadratkilometer Waldfläche konnten mit Hilfe vonGreenpeace bisher geschützt werden. Das ist eine Fläche so groß wieBelgien. Doch die Zerstörung der Wälder schreitet um ein Vielfachesschneller voran als ihr Schutz. Diesen Trend umzukehren, ist Aufgabeder CBD.

  • Brasilien: Deni Land 16 400 Qudratkilometer, Einschlagstopp
  • Kanada: Great Bear Rainforest 7 000 Qudratkilometer, Moratoriumsverlängerung
  • Finnland: Last of the Last 3 000 Qudratkilometer, Moratorium
  • Russland: Onega 2 000 Qudratkilometer, Nationalpark
  • Russland: Kalevalski 760 Qudratkilometer, Nationalpark
  • Papua Neuginea: Kiunga Aimbak 2 500 Qudratkilometer, Einschlagstopp
  • Deutschland: Kellerwald 60 Qudratkilometer, Nationalpark

Insgesamt sind 31 720 Qudratkilometer unter Schutz gestellt.

Streitpunkte in Malaysia

  • Ein Knackpunkt der siebten Vertragsstaatenkonferenz der

    Konvention über die Biologische Vielfalt (COP7, CBD) in Kuala Lumpur,

    Malaysia, wird das Arbeitsprogramm zu den Schutzgebieten sein: Wird

    tatsächlich ein international abgestimmtes Netzwerk von Schutzgebieten

    rund um den Erdball verbindlich beschlossen?

  • Geld: Werden sich die Delegierten auf einen konkreten Plan einigen,

    wie die Schutzgebiete zu Lande und zu Wasser finanziert werden sollen?

    Werden die reichen Länder bereit sein, Geld für Schutzgebiete in

    Entwicklungsländern zu zahlen?

  • Können sich die CBD-Staaten auf einen konkreten Zeitplan einigen, bis wann Schutzgebiete eingerichtet sein müssen?
  • Wird es eine internationale Arbeitsgruppe geben, die die

    Einzelstaaten zwingen kann, die Schutzgebiete einzurichten? Oder wird

    eine solche Arbeitsgruppe als Einmischung in die nationalstaatliche

    Souveränität abgelehnt?

  • Auch ist bisher heftig umstritten, ob die CBD-Beschlüsse auch für

    die Hohe See gelten sollen – also den Bereich außerhalb der nationalen

    Gerichtsbarkeit. Dort gibt es zum Beispiel an Tiefseebergen oder

    Kaltwasserkorallenriffen eine einzigartige Artenvielfalt, die dringend

    vor zerstörerischen Fischereimethoden wie der Grundschleppnetzfischerei

    geschützt werden muss. Fischereinationen wie Japan oder Neuseeland

    versuchen, Schutzgebiete in diesen Regionen zu verhindern.

Welche CBD-Mitgliedsstaaten unterstützen die Einrichtung von Schutzgebieten, wer blockiert?

  • Europa: Auf der paneuropäischen Vorbereitungskonferenz in Madrid

    (19. bis 21. Januar 2004) hat sich gezeigt, dass die EU-Länder und die

    Erweiterungsstaaten auch im Verbund mit den zentral- und

    osteuropäischen Staaten ein ehrgeiziges und verbindliches globales

    Netzwerk von Schutzgebieten unterstützen. Die EU will ein rechtlich

    unverbindliches Arbeitsprogramm ablehnen, wenn es nicht wirksam ist.

  • Zum Schutz der Artenvielfalt an Tiefseebergen unterstützt die EU

    sogar einen Aufruf an die Generalversammlung der Vereinten Nationen,

    gegen die Grundschleppnetzfischerei in diesen Gebieten ein Moratorium

    zu verhängen.

  • Die Gruppe der lateinamerikanischen Staaten scheinen die

    ehrgeizigen Ziele und Zeitpläne zu unterstützen, machen eine

    verbindliche Zusage allerdings von technischer und v.a. finanzieller

    Unterstützung durch die reichen Länder abhängig.

  • Unklar ist bisher, wie sich die asiatischen Länder verhalten

    werden. Malaysia als Gastgeber und Vorsitzender der COP 7 hat das Thema

    Schutzgebiete von der Tagesordnung der Ministerrunde genommen, die für

    die letzten drei Tage (18. bis 20. Februar 2004) angesetzt ist. Auch

    ein Dialog mit der Zivilgesellschaft, der bei solchen Ministertreffen

    üblich ist, wird von den Gastgebern nicht organisiert. Das ist ein

    schlechtes Zeichen für ein Land, das die Rechte der eingeborenen Völker

    mit Füßen tritt und die letzten Urwälder, Heimat der extrem bedrohten

    Orang-Utans, industriell zerstört.

  • Die USA, die die CBD bis heute nicht ratifiziert haben, werden mit

    einer sehr großen Delegation in Kuala Lumpur erscheinen und alle

    Ergebnisse zu verhindern versuchen, die rechtliche Konsequenzen haben

    könnten.

Greenpeace fordert:

Greenpeace ruft die Regierungen auf, gemäß Artikel 8 der CBD inKuala Lumpur ein Arbeitsprogramm für Schutzgebiete mit verpflichtendenZielen und Zeithorizonten zu beschließen. Dazu ist es notwendig,

  • dass die Vertragsstaaten jedes Jahr zusätzlich 25 Milliarden

    US-Dollar zur Verfügung stellen, um bis 2010 ein globales Netzwerk von

    Schutzgebieten aufbauen und erfolgreich unterhalten zu können.

    Deutschland muss davon jährlich eine Milliarde Euro übernehmen.

  • Stopp aller industriellen Aktivitäten in den letzten Urwäldern wie

    Holzeinschlag, Ölbohrungen, Goldsuche oder Straßenbau. Dazu soll die

    umfassende Kartierung der Ökosysteme im Wasser und an Land weiter

    entwickelt werden.

  • die indigenen Völker und lokale Bevölkerung an Entscheidungsprozessen zu beteiligen.
  • dass die Beschlüsse der CBD auch auf der Hohen See – den

    Meeresbereichen außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeit – Gültigkeit

    haben.

  • dass die USA die CBD endlich auch ratifizieren.
Tags:

Weitere Downloads

Mehr zum Thema

Vielfalt - Basis des Lebens

Greenpeace kämpft weltweit für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen. Deren Bewahrung ist die beste Voraussetzung für den Schutz von Tieren und Pflanzen.