Die Geschichte eines fingierten Gerichtsverfahrens

Die Walfangmaschinerie läuft wie geschmiert

Walfang ist in Japan ein heißes Eisen, nur wissen das die wenigsten Japaner. Zwei, die es wissen und den Mut hatten, das Eisen anzupacken, waren die Greenpeacer Junichi Sato und Toru Suzuki. Sie kamen dafür vor Gericht, die Anklage lautete auf Diebstahl und Hausfriedensbruch. Im September 2010 wurden sie zu einem Jahr Haft verurteilt, ausgesetzt für drei Jahre auf Bewährung. Das angebliche Diebesgut gehörte zu den Beweismitteln für einen Skandal, der offensichtlich nicht publik werden sollte.
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Update 21.10.2016: Ab Montag, den 24.10.2016 entscheiden die Teilnehmer der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Slowenien über den Antrag zur Einrichtung eines 20 Millionen Quadratkilometer großen Walschutzgebiets im Südatlantik.

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Junichi und Toru hatten der Staatsanwaltschaft im Mai 2008 einen Karton mit Walfleisch übergeben. Er gehörte einem Besatzungsmitglied der Walfangflotte, war von Bord geschmuggelt worden und lagerte im Depot eines Lieferservices. Von einem Insider hatten die beiden Greenpeacer zuvor den Hinweis erhalten, dass Crewmitglieder seit Jahren beim Schlachten der Wale illegal Fleisch abzweigen, an Land schmuggeln und gewinnbringend verkaufen.

Wale zu töten ist seit 1986 verboten. Damals trat das Walfangmoratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Kraft. Auch der Handel mit dem Fleisch ist konsequenterweise verboten. Doch die IWC hat den Nationen ein Schlupfloch gelassen: den wissenschaftlichen Walfang. Die Quote bestimmen die Länder selber. Die Kommission hat keine Grenze gesetzt. Das Fleisch, das nach den Untersuchungen übrig bleibt, darf von staatlichen Läden ganz legal verkauft werden.

Japan nutzt diese Lücke. Jedes Jahr sterben im antarktischen Walschutzgebiet rund tausend Wale durch die Harpunen der japanischen Jäger. Im Nordpazifik sind es etwa 250 Tiere. Das Fleisch wandert in die Lagerhäuser und von dort in die staatlichen Läden, die über das ganze Land verteilt sind. Ein Rest geht an die Besatzung der Walfangflotte - als kleine Entschädigung für die harten, entbehrungsreichen Monate auf See.

So weit die offizielle Lesart der Geschichte. Sie wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel diese: Wenn es überall in Japan ganz legal Walfleisch zu kaufen gibt, wie konnte sich dann ein lukrativer Schwarzmarkt für eben dieses Walfleisch entwickeln?

Was in den staatlichen Läden verkauft wird, ist tiefgefrorenes Muskelfleisch oder Walfleisch in Dosen, erklärt Meeresbiologe Thilo Maack. Die überwiegende Mehrheit der Japaner isst dieses Fleisch nicht, der Staat bleibt darauf sitzen. Die japanische Regierung behauptet, der Verzehr von Walfleisch gehöre zur Kultur des Landes. Doch die Lager sind voll mit tausenden Tonnen Fleisch, das keiner will.

Die eigentliche Delikatesse, sagt der Greenpeace-Biologe, komme nie in die Kühlhäuser und Geschäfte: der begehrte Walschinken. Dieses Fleisch mit einem hohen Fettanteil aus den Kehlfurchen der Wale ist für eine betuchte Minderheit gedacht. Es wird sofort nach dem Schlachten des Wals eingesalzen und verpackt, landet dann bei den Crewmitgliedern und später auf dem schwarzen Markt. Nicht weil der Matrose, der Smutje, der Koch, der Harpunier ihre Firma betrügen wollen, sondern weil die Firma es so will. Es ist ein Deal und alle Beteiligten profitieren.

Die Maschinerie des angeblich wissenschaftlichen Walfangs wird am Laufen gehalten, damit eine kleine einflussreiche Oberschicht ihren kulinarischen Gelüsten frönen kann. Für ein paar unverbesserliche Walschinkenesser finanzieren die japanischen Steuerzahler ein Verlustgeschäft; schlachten die Jäger die Wale ab; riskiert Japan sein Gesicht vor der Welt. Darum auch forschen die Japaner überwiegend im antarktischen Schutzgebiet. Dort ist das Fleisch weit weniger mit Chemikalien und Schwermetallen verseucht als im Nordpazifik. Wer gut zahlt, will Qualität.

Diesen Skandal hatten Junichi und Toru aufgedeckt und den Beweis gleich mitgeliefert. Mit dem Verfahren gegen die beiden Greenpeacer verstieß Japan auch noch gegen die Menschenrechte. Die Walschützer verließen zwar den Gerichtssaal als freie Männer, aber der fade Beigeschmack des Verfahrens blieb.

(Stand: 5.10.2012)

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