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Kanada steigert Robbenschlachten

Tierschützer haben am 24. Oktober in sieben europäischen Hauptstädten vor den Botschaften Kanadas gegen die geplante eigenmächtige Erhöhung der Robben-Fangquote protestiert. Der kanadische Fischereiminister hatte angekündigt, in der kommenden Saison die Jagd auf 350.000 Tiere freizugeben. Das wäre die höchste Quote seit Einführung der Quotenregulierung im Jahre 1971.

Die Aktionen in Berlin, London, Paris, Wien, Bukarest, Sofia und Den Haag wurden von Aktivisten zahlreicher Tierschutzorganisationen durchgeführt. Sie forderten die kanadische Regierung auf, die grausame Jagd auf Robben endlich einzustellen. Greenpeace - selbst viele Jahre lang gegen das Massenschlachten aktiv, bis die damalige Europäische Gemeinschaft 1983 einen Importstopp für Robbenfelle verfügte - begrüßte den Protest der Tierschützer. Es ist unfassbar, dass die brutale Jagd fortgesetzt wird, sagte Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack.

Bereits während der Fangsaison im Frühjahr 2002 hatten die Kanadier sich über die gültige Jagdquote von 275.000 Sattelrobben hinweggesetzt. Nach offiziellen Angaben töteten sie in einer eigens verlängerten Jagdsaison rund 307.000 Tiere. Tatsächlich dürfte die Zahl aber noch wesentlich höher liegen. Robben, die zunächst trotz Verletzung entkommen konnten, später aber starben, erscheinen in keiner Statistik. Ulrich Schnapauff vom IFAW (Internationaler Tierschutz-Fonds) geht davon aus, dass in manchen Jahren doppelt so viele Robben getötet wurden wie gemeldet. Hinzu kommt noch die Fangquote der Grönländer.

Weder die Menge der getöteten Tiere noch die Grausamkeit des Vorgehens sind nachvollziehbar. Im Jahre 2001 untersuchte eine internationale Gruppe von Tiermedizinern im Auftrag des IFAW zurückgelassene Kadaver und stellte fest, dass 42 Prozent der Robben noch bei Bewusstsein waren, als sie gehäutet wurden. Video-Dokumentationen, die vom IFAW während der Jagd aus der Luft aufgenommen wurden, belegen weit über 600 Gesetzesverstöße. Das Material wurde dem kanadischen Fischereiministerium vorgelegt - ohne Konsequenzen.

Welchen Nutzen Kanada aus der Jagd ziehen könnte, ist den Tierschützern schleierhaft. Im Bruttosozialprodukt der Provinz Neufundland taucht die Robbenindustrie mit gerade 0,06 Prozent auf. Trotzdem wird die Robbenjagd von der kanadischen Regierung subventioniert. Rund 20 Millionen kanadische Dollar hat Ottawa seit 1996 investiert.

Der Bedarf wird vielfach künstlich geweckt. Um den Markt für die Robbenprodukte anzukurbeln, werden sogar so genannte Wellnessprodukte aus Robbenöl hergestellt. Robbenpenisse werden als Potenzmittel auf den asiatischen Markt geworfen. Glücklicherweise gibt es in Europa zumindest ein Importverbot für die weißen Pelze der Jungrobben, sagte Maack. Auch in Deutschland sollen Robbenfelle aufgetaucht sein.

Als Argument für das massenhafte Abschlachten wird gern angeführt, die Robben würden zu viel Fisch fressen und so den Fischern die Existenzgrundlage nehmen. Maack kann über die Ignoranz und Verlogenheit dieser Behauptung nur den Kopf schütteln: Bevor die menschengemachte Überfischung den Zusammenbruch der Fischbestände herbeigeführt hat, gab es viel mehr Sattelrobben und Klappmützen, die in perfekter Harmonie mit den vielen Fischarten lebten.

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