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Internationale Walfangkommission: Hoffnung für die Wale?

Am 11. Juli beginnt auf der englischen Kanalinsel Jersey die 63. IWC-Jahreskonferenz. Seit Jahren versucht Japan dort, das Walfangverbot auszuhebeln. Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack erklärt im Interview, warum das diesjährige Treffen eine Wende bringen könnte.

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Online-Redaktion: Thilo, was steht in diesem Jahr auf der Agenda der Internationalen Walfangkommission?

Thilo Maack: Auf der Agenda stehen viele technische Punkte wie beispielsweise Grundlagen der Überwachung des kommerziellen Walfangs, die Bestandsgröße der Minkewale in den antarktischen Gewässern, ein Walschutzgebiet im Südatlantik. Auch ein neuer Vorsitzender soll gewählt werden.

Besonders wichtig ist ein Vorschlag der britischen Regierung, die Effektivität der IWC zu erhöhen und damit den Stimmenfang Japans zu unterbinden.

Online-Redaktion: Japan ist bekannt für seine Entwicklungshilfezahlungen an Länder der Dritten Welt, um Stimmen für den Walfang einzukaufen ...

Thilo Maack: Richtig. Die japanische Regierung hat viele Jahre lang viele Millionen Yen aufgewendet, um Entwicklungshilfenationen in die IWC einzukaufen. Oftmals sind das Delegationen aus Ländern, die so arm sind, dass sie noch nicht einmal an den Jahrestreffen der Vereinten Nationen teilnehmen können. Aber sie sind in der IWC und stimmen da über eine Sache ab, mit der sie noch nie etwas zu hatten oder haben werden.

Der britische Vorschlag sieht unter anderem vor, dass die Beiträge für die IWC von offiziellen Regierungskonten kommen müssen. Bisher zahlen viele Länder das in bar. Da kommt zum Beispiel der Repräsentant der Elfenbeinküste mit einem Umschlag - oftmals sind Yen drin - zum Sekretariat der IWC und zahlt dort am Vorabend der Hauptverhandlung den Beitrag für sein Land. Das versucht man jetzt zu unterbinden, wie es für moderne Konventionen eigentlich Standard ist. Diese und verschiedene andere Neuerungen werden sicherlich zur Effektivität der IWC beitragen. Und das wird der Walschutzseite in die Hände spielen. Dadurch wird es schwieriger, Staaten in die IWC einzukaufen.

Online-Redaktion: Japan ist durch die verheerende Naturkatastrophe und den daraus folgenden Super-GAU ökonomisch in Bedrängnis geraten. Wird auch das das Kräfteverhältnis zwischen Walschützern und Walfangbefürwortern beeinflussen?

Thilo Maack: Tatsächlich haben bis jetzt 31 von 89 Mitgliedsländern ihren Jahresbeitrag für die IWC noch nicht bezahlt.* Von diesen 31 sind 19 für den Walfang, neun sind dagegen und drei sind Sonderfälle. Zu den Pro-Walfang-Nationen gehören zum Beispiel die karibischen Inseln, Antigua und Barbuda, der Kongo, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Surinam, Togo. Zu den Ländern, die gegen den Walfang sind, gehören Belize, Costa Rica, Ungarn und die Slowakei.

Das zeigt, dass das Kräfteverhältnis womöglich eine ganz eindeutige Wendung im Sinne des Walschutzes genommen hat. Und das ist sicherlich auch der Katastrophe von Fukushima zuzuschreiben. Offensichtlich fehlt es in Japan jetzt an Geld, um die Entwicklungshilfeländer, die sonst den Walfang in der IWC unterstützt haben, weiter einzukaufen - die Reisearragements zu treffen, die Unterbringung vor Ort zu organisieren, Spesen zu bezahlen. Daher kann es sein, dass in diesem Jahr ein richtiger Ruck durch die IWC geht. Aber das wird sich am Montag zeigen.

Online-Redaktion: Traurig, dass es einen solchen Grund für die Wende brauchte.

Thilo Maack: Allerdings. So traurig die Situation in Ostjapan ist, an diesem Punkt sind die Folgen ausnahmsweise ein bisschen positiv, weil dadurch hoffentlich die Wale besser geschützt werden.

Online-Redaktion: Im vergangenen Jahr gab es einen Vorstoß innerhalb der IWC, den drei Walfangnationen Japan, Island und Norwegen offizielle Fangquoten einzuräumen. Erwartest du, dass dieser Vorschlag wieder aufgegriffen wird?

Thilo Maack: Dieser Vorschlag ist, auch dank der Hilfe Deutschlands, vom Tisch. Es gibt keinen neuen Vorstoß, offiziell Fangquoten zu vergeben. Im Gegenteil, es gibt ganz viele Nationen, die sagen: Alles was dieser Vorschlag beinhaltet hat, ob positiv oder negativ, soll jetzt Vergangenheit sein. Die IWC hat sich für dieses Jahrestreffen eine sogenannte Abkühlungsperiode verordnet, um von den Konflikten herunterzukommen. Man will die Situation jetzt nüchterner betrachten und sehen, was möglich ist.

Online-Redaktion: Das klingt besser als in den vergangenen Jahren ...

Thilo Maack: Richtig. Damit gibt es doch noch Hoffnung, dass die IWC von der Walfang- zur Walschutzkommission wird. Durch den direkten Walfang sterben die allerwenigsten Wale. Die meisten sterben durch die schleichende Vergiftung der Meere, durch den zunehmenden Unterwasserlärm und den Beifang in der industriellen Fischerei. Nach Schätzungen des Wissenschaftlichen Komitees der IWC sterben jährlich bis zu 300.000 Wale und Delfine in den Netzen der Fischerei - vor allem die kleineren Zahnwalarten wie Delfine, Schweinswale, Pilotwale.

Greenpeace fordert deshalb seit Jahren ganz massiv, dass die IWC sich nicht nur um die 13 Großwalarten kümmert, die früher mal für den Walfang wichtig waren, sondern um alle 82 Walarten.

Der IWC muss in erster Linie ein Artenschutzinstrument werden. Es darf kein Völkerrecht zum Schlachten von Walen geben. Es ist nicht zeitgemäß, im 21. Jahrhundert über so etwas überhaupt noch nachzudenken.

* Redaktionelles Update 11. Juli: Nach heutigem Stand haben 21 von 89 Mitgliedsstaaten ihren Beitrag nicht bezahlt und können daher nicht an den Abstimmungen teilnehmen. Davon sind 15 für den Walfang.

Publikationen

Die internationale Walfang-Kommission (IWC)

Die IWC wurde 1948 gegründet und hatte ursprünglich 14 Vertragsstaaten. Die Zielsetzung ist: Ausarbeitung aller Bestimmungen zum Thema Wale, die Unterstützung der Wissenschaftlichen Forschung und die Sicherung der Walbestände.

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