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Schwarz auf weiß - Szenario für einen Ölunfall in der Arktis

Die Polarregion ist eines der letzten fast unberührten Gebiete der Erde. Ein Ölunfall in der Abgeschiedenheit der Arktis wäre unbeherrschbar. Doch davon will sich der Ölkonzern Shell nicht abhalten lassen.

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Ein Knall zerreißt die weiße Stille, die Eisdecke erzittert unter einer gewaltigen Explosion. Und plötzlich ist nichts mehr wie es vorher war. Vor der Küste Alaskas steht ein Ölbohrschiff lichterloh in Flammen. Die zu Hilfe gerufenen Löschschiffe wirken vor der pechschwarzen Wand aus Ruß und Rauch wie Spielzeug. Die eigentliche Tragödie aber spielt sich in der Tiefe ab: 50 Meter unter dem arktischen Meeresspiegel sprudelt tonnenweise Rohöl aus dem Leck geschlagenen Bohrloch. Eines der letzten unberührten Naturparadiese der Erde ist damit unwiederbringlich verloren.

Was klingt wie ein böser Traum, könnte traurige Realität werden. Bereits im Juli will Shell, und damit erstmals einer der großen internationalen Konzerne, vor Alaska nach Öl suchen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Shell damit seinen Vorteil aus der Klimaerwärmung zieht. Nur durch das Abschmelzen des arktischen Eises kann der Ölmulti in bisher unerreichbare Regionen vordringen, dort die letzten Ölreserven abzapfen und damit den Klimawandel weiter anheizen.

Gleich an fünf Stellen soll im Sommer der Meeresboden angedrillt werden. Wie schnell bei solchen Erkundungsbohrungen aus einem Restrisiko eine Tragödie werden kann, führte der Welt zuletzt BP mit der Deepwater Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko vor Augen. Auch angesichts des Gaslecks an der Bohrinsel Elgin 240 Kilometer vor Schottland konnte der Betreiber Total nur tatenlos zusehen, wie die Dinge ihren Lauf nahmen. Erneut zeigte sich: Unfällen stehen die Ölkonzerne hilflos gegenüber.

Unkalkulierbare Gefahr

Im Falle eines Bohrunfalls in der Arktis wäre es so gut wie unmöglich, das Eis vom Öl zu säubern. Es gibt dafür keine Technik, warnt Jörg Feddern, Ölexperte bei Greenpeace. Die Spuren des Tankerunglücks der Exxon Valdez vor der Küste Alaskas vor 23 Jahren sind noch heute sichtbar. Die Abgeschiedenheit und die extremen Wetterbedingungen machen Bohrungen zu einem unkalkulierbaren Risiko. Während der Wintermonate ist die Arktis nicht zugänglich. Es wäre niemand da, um ein leckes Bohrloch zu stopfen, sagt Feddern.

Greenpeace fordert, dass die Arktis für eine industrielle Ausbeutung durch Ölkonzerne tabu bleibt. Um eine weitere Tragödie zu verhindern, protestierten sieben Aktivisten 77 Stunden lang auf dem Ölbohrturm des Schiffes Noble Discoverer dagegen, dass Shell in Richtung Arktis auslief. Mit an Bord: Schauspielerin Lucy Lawless, bekannt aus der Fernsehserie Xena - die Kriegerprinzessin. Nach der Räumung des Turms sagte sie: Sieben von uns sind auf den Turm geklettert, aber 133.000 kamen wieder herunter. So viele Menschen hatten eine Protestmail an Shell geschickt, inzwischen sind es bereits über 350.000.

Mit dem Protest gegen Shell stemmt sich Greenpeace der gesamten Ölbranche entgegen. Es geht darum, einen Präzedenzfall zu verhindern. Denn wenn Shell auf Öl stößt, werden andere Konzerne nachziehen. Experten vermuten etwa 90 Milliarden Barrel Rohöl unter dem Meeresboden der Arktis - genug, um den derzeitigen Weltverbrauch für etwa drei Jahre zu decken. Was sind schon drei Jahre? Es wird Zeit, dass wir unsere Abhängigkeit vom Öl beenden, die Milliardeninvestitionen in Erneuerbare Energien umlenken und die Arktis schützen, sagt Jörg Feddern.

Wettlauf am Nordpol

Fünf Anrainerstaaten konkurrieren um die Bodenschätze, die in der Arktis vermutet werden: Grönland, Kanada, Norwegen, Russland und die USA. Obwohl die Besitzansprüche nicht geklärt sind, hat die Suche nach Öl und Gas bereits begonnen. Ab Sommer will Shell vor Alaska nach Öl bohren.

Der Grafikdesigner und Comicautor Reinhard Kleist hat für uns gezeichnet, was wir nie fotografieren wollen: das Schreckensszenario eines Ölbohrunfalls in den unwirtlichen Weiten der Arktis. Nach Einbruch des dunklen, arktischen Winters haben Rettungskräfte keine Chance mehr, an die Unfallstelle heranzukommen. Das Bohrschiff bleibt sich selbst überlassen, Öl strömt ungehindert aus. Niemand kann dem Ökosystem und seinen Tieren noch helfen.

(Aus den Greenpeace Nachrichten 02/2012)

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