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Wie es ist, Greenpeace-Eisbärdame Paula zu sein

Im Bauch des Bären

Eine der eifrigsten Arktisschützerinnen von Greenpeace heißt Paula und ist – ein Eisbär. Kein echter, allerdings, das weiß niemand besser als Greenpeace-Aktivistin Nanna Zimmermann.

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Wenn man Unterschriften für den Schutz der Arktis sammelt, ist es praktisch, einen Eisbären dabeizuhaben. Wie magnetisch zieht das lebensgroße Greenpeace-Bärenkostüm staunende Leute an. Paula heißt es, abgeleitet vom englischen polar bear. „Ist der echt? Oder eine Maschine?“, fragen die Passanten immer wieder und rätseln, wie Paula wohl funktioniert. Dass zwei Menschen in dem Eisbärkostüm stecken, erweckt regelmäßig Mitleid. „Ist denen nicht warm? Steht man nicht total unbequem darin?“ Ach, die haben ja keine Ahnung!

Blind und schweißnass unterm Bärenpelz

Noch schnell das Walkie-Talkie anstecken, Schuhe und Pullover ausziehen, dann sind wir bereit. Sockenfüßig hocken wir uns hin, ich vorne, sie hinten. Zwei Greenpeacer heben das an einer Metallstange hängende Kostüm an, um den Einstieg zu erleichtern. Halb stülpt sich das stickige Dunkel über uns, halb tauchen wir ein, stellen uns unbequem vornübergebeugt hin. Erst als auch unsere Füße in den tapsigen Pfoten verschwunden und die Öffnungen zwischen den Eisbärbeinen mit Clips verschlossen sind, wird draußen die Stange aus den Halterungen gezogen. Die Schnüre werden unter dem weißen Kunstfell versteckt; es kann losgehen!

Es ist nicht das erste Mal, dass Paula an diesem Tag von Leben erfüllt ist. Das Kostüm ist schon warm und etwas feucht vom Schweiß der letzten „Eisbären“. Bald wird auch unserer fließen, sich im Kunststoff mit den Ausdünstungen all der Vorgänger vermischen. Mit ausgestrecktem Arm bewege ich die Stange in Paulas Kopf, drehe ihn damit nach links und rechts, damit sich die Eisbärin „umschauen“ kann. Nicht, dass wir etwas davon hätten. Seit die Kamera in der Nase nicht mehr funktioniert, ist man praktisch blind. Statt dessen ersetzen elektronisch übermittelte Anweisungen von draußen die Augen: „Dreht euch ein Stück nach links… noch ein bisschen, ja genau so“, dirigiert uns ein Greenpeacer in Zivil. „Und jetzt fünf, sechs Schritte nach vorn…“

Die Schritte gut hinzubekommen, ist gar nicht so einfach. Man muss sich erst aufeinander einstellen, das richtige Tempo finden. Und das, ohne die Bewegungen des anderen im Dunkeln erkennen zu können. Ein Eisbär geht einfach nicht im Gleichschritt.

So macht man bloß einen blinden Schritt nach dem anderen und bewegt – wenn man vorne ist – Paulas Kopf hin und her. Trotzdem ist es nicht langweilig. Ein Grund dafür sind die Reaktionen der Passanten.

„Ich hab‘ dich sooo lieb!“

„Ihr seid völlig umringt“, tönt es immer wieder aus dem Walkie-Talkie. „Halt den Kopf etwas höher, ihr werdet immer noch fotografiert.“ Gesprächsfetzen und Lachen der Umstehenden dringen gedämpft zu uns durch; manchmal spürt man, wie die Leute das weiße Fell streicheln. „Liebe Paula“, sagt eine Mädchenstimme auf Hüfthöhe. „Ich hab‘ dich sooo lieb!“ Sie lehnt sich gegen das Kostüm und küsst es hörbar, bis ihre Eltern sie weiterdrängen.

Ein Mann nähert sich lautstark schimpfend: „Das kann man doch nicht machen! Einen Eisbären mit in die Fußgängerzone nehmen!“ Sein Hund verschluckt sich fast an seinem hysterischen Gekläffe, bis der wütende Mann ihn unter dem Gelächter der anderen Passanten wegzieht.

Ein Jugendlicher redet minutenlang auf das Kostüm ein, fragt, ob es Hunger hätte und lieber Pommes oder Fisch essen würde. „Ich bin ein Eisbärflüsterer“, verkündet er stolz seinen Freunden. Bis ich Paulas Kopf schüttle – und prompt wird ihm klar, wieso der Eisbär keine Entweder-oder-Fragen beantworten kann.

Ein paar Jungs treten Paula spielerisch auf die Pranken und kreischen begeistert auf, als ich darauf reagiere. Und ständig irgendwelche Leute, die unbedingt ein Foto mit Paula wollen. Immerhin unterschreiben die Meisten auch die Petition zum Schutz der Arktis.

Schwitzen für die Arktis

Aber so langsam wird es anstrengend. Immer häufiger muss ich den Arm wechseln, mit dem ich Paulas Kopf steuere. Das Kostüm wird allmählich schwer, die gebückte Haltung verursacht Rückenschmerzen, der Schweiß tropft. Trotzdem hat es etwas unglaublich entspannendes – Sauna und Meditation in einem. Ein Gefühl von Geborgenheit; ähnlich wird es wohl im Uterus gewesen sein.

Schließlich aus Paulas Leib herauszukommen, dauert ein paar Minuten. Ich bin völlig erschöpft. Der Ausstieg verläuft wie das Einstiegsprozedere, nur in umgekehrter Reihenfolge: Draußen die Metallstange in die Halterungen, drinnen die Clips öffnen, aus den felligen Beinen steigen und hinhocken. „Der Eisbär bekommt zwei Menschenkinder“, scherzt jemand, als wir unter dem Kostüm hervorkriechen.

Zugegeben: Eisbär spielen ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Doch als wir schweißnass draußen auf dem Pflaster stehen, fühle ich mich fast ein bisschen nackt ohne die wohlige Geborgenheit von Paulas stinkenden warmen Bauch.

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