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"Die Mahnwache gehört jetzt ein bisschen zu meinem Alltag"

Heute Abend ab 19.00 Uhr wird Wolfgang Krumpmann, 69 Jahre, wieder vor der russischen Botschaft in Berlin bei der Mahnwache stehen. Über 30 Schichten hat er schon hinter sich. "Wie viele genau, weiß ich nicht. Da müsste ich in meinen Kalender gucken und nachzählen". Wolfgang ist einer von 250 ehrenamtlich Aktiven bei Greenpeace Berlin. Seit der Inhaftierung der 28 Aktivisten und zwei Fotojournalisten vor 57 Tagen halten sie die Mahnwache rund um die Uhr personell besetzt.

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"Ich reserviere meine Schichten für zwei bis vier Tage am Stück, so drei oder vier Tage im Voraus." Wolfgang ist meist zwischen 19.00 und 24.00 Uhr vor der russischen Botschaft. Denn er weiß, für die anderen aus der Gruppe, mit Familie, ist dieses Zeitfenster eher schwierig. Viele andere Berliner Greenpeace-Ehrenamtliche kommen zur Mahnwache, wie sie es zeitlich schaffen: morgens von 6.00 bis 9.00 Uhr, bevor sie zur Arbeit gehen, oder gegen halb zehn, nachdem sie ihr Kind in die Kita gebracht haben. Studenten kommen zwischen zwei Vorlesungen vor die russische Botschaft Unter den Linden. Mehr als zehn Berliner Ehrenamtliche sind so pro Tag allein bei der Mahnwache eingebunden.

Täglich mehrere hundert Emails und Postkarten an den Botschafter

"Ich hoffe, dass es bei unseren Aktivisten in Sankt Petersburg ankommt, dass wir hier stehen", sagt Wolfgang. "Wir bringen hier ein, was wir einbringen können, um unseren Aktivisten zu sagen: Ihr seid nicht vergessen. Das was ihr getan habt und das Risiko, das ihr eingegangen seid, um die Arktis zu schützen, vergessen wir nicht."

Der russische Botschafter in Berlin wird jeden Tag an die inhaftierten Umweltschützer erinnert. Neben dem Blick auf die Greenpeace-Mahnwache vor dem Botschaftsgebäude erhält er täglich mehrere hundert Protestmails und Postkarten von Bürgerinnen und Bürgern aus ganz Deutschland. Auch sie fordern die Freilassung der inhaftierten Aktivisten.

Vor der Botschaft sind die Reaktionen überwiegend positiv: Autofahrer hupen beim Vorbeifahren und halten die Daumen hoch. Viele Passanten bleiben stehen, um sich die Hintergründe der Verhaftung genauer erklären zu lassen.

Die Mahnwache ist nicht die einzige Aktivität, mit der Ehrenamtliche bei Greenpeace auf die Arctic 30 aufmerksam machen. Einen Monat nach der Verhaftung organisierten die Jugendlichen von Greenpeace mit 14 Musikbands ein 30-stündiges Konzert vor der Botschaft. Je eine Stunde Konzert war einem inhaftierten Aktivisten gewidmet.

Ausstellung in Berlin mit Informationen zu den Arctic 30

Seit Anfang November liegt das Greenpeace-Aktionsschiff Beluga II am Schiffbauerdamm 20 in Berlin. Das Team50plus, Greenpeace-Ehrenamtliche über 50 Jahre, betreut dort täglich von 13.00 bis 18.00 Uhr eine Ausstellung über die Hintergründe der Arktis-Kampagne. Donnerstags um 18.00 Uhr gibt es einen öffentlichen Vortrag zum Thema. Alles weitere sind zusätzliche Schichten, die von Ehrenamtlichen personell abgedeckt werden.

"Für viele kleinere Greenpeace-Gruppen mit so 20 bis 30 Ehrenamtlichen wäre das nicht machbar", sagt Martin Hausding, Koordinator von Greenpeace Berlin. Seine Gruppe ist die größte ehrenamtliche Gruppe von Greenpeace weltweit. Doch auch sie stößt langsam personell an ihre Grenzen. Greenpeace-Ehrenamtliche aus anderen deutschen Städten kommen deshalb zur Unterstützung der Mahnwache nach Berlin. Sie decken vor allem das Zeitfenster zwischen Mitternacht und 6.00 Uhr morgens ab.

Greenpeace-Ehrenamtliche sind deutschlandweit aktiv

Aber nicht nur in Berlin protestieren Ehrenamtliche für die Freilassung der 30 Inhaftierten. Die Marburger Gruppe hängt ein Banner mit der Forderung "Lasst unsere Aktivisten frei – Schützt die Arktis" jeden Tag aus einem anderen Fenster der Stadt. Über Facebook können die Bürger erraten, wo sie das Banner gerade gesehen haben. In Gelnhausen hängt solch ein Banner am zentralen Turm der Stadt. Und in Frankfurt am Main gibt es jeden Dienstag und Donnerstag eine eigene Mahnwache vor dem russischen Generalkonsulat.

Viele der 100 ehrenamtlichen Greenpeace-Gruppen sind regelmäßig für die Arctic 30 auf der Straße. Sie informieren Passanten und sammeln tausende Protestpostkarten für den russischen Botschafter in Berlin. "Wir dürfen nicht erlahmen und die Situation zur Gewohnheit werden lassen. Solange die Aktivisten in Haft sind, müssen wir mit 100 Prozent Energie dabeibleiben", sagt Wolfgang aus Berlin.

Am kommenden Samstag, 16. November laden die Greenpeace-Gruppen in Berlin und den fünf deutschen Städten mit russischen Generalkonsulaten (Bonn, Frankfurt, Hamburg, Leipzig, München) nachmittags zu Laternenumzügen ein. Die Umzüge sind Teil einer weltweiten Solidaritätsaktion für die 30 inhaftierten Umweltschützer. Jeder kann teilnehmen. Kommen auch Sie vorbei! Mehr Informationen zu Treffpunkt und Route finden Sie hier.

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