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„Die große Chance, die Arktis zu schützen, bevor sie zerstört wird“

Wie wirkt sich die Versauerung der Ozeane in 20, 40 oder gar 100 Jahren aus? Heute hat das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel die Ergebnisse eines Experiments aus dem Jahr 2010 veröffentlicht - das Greenpeace mit einer Schiffstour in die Arktis unterstützt hat. Iris Menn, Meeresbiologin, erinnert sich im Interview an die Expedition.

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Der zunehmende Ausstoß von Treibhausgasen macht nicht nur dem Klima zu schaffen. Unsere Meere nehmen CO2 aus der Atmosphäre auf, das sich im Wasser zu Kohlensäure wandelt. Steigender CO2-Ausstoß lässt auch die Aufnahme in das Meer steigen – das Wasser wird sauer.

Welche konkreten Auswirkungen die zunehmende Versauerung auf das Ökosystem Meer haben kann und auf die gesamte Nahrungskette, sind bislang kaum erforscht. Im Mai 2010 unterstützte Greenpeace deshalb ein internationales Großexperiment unter Leitung des GEOMAR. Mit neun riesigen Reagenzgläsern an Bord, startete das Greenpeace-Schiff Esperanza in die Arktis. Mit dabei: Iris Menn, die seit elf Jahren bei Greenpeace für den Schutz der Meere arbeitet.

Redaktion: Iris, du hast die Greenpeace-Expedition in die Arktis geleitet – wie habt ihr mit dem Wissenschaftsteam des GEOMAR zusammengearbeitet?

Iris Menn: Wir haben mit unserem Schiff Esperanza für die Forscher sogenannte Mesokosmen von Kiel nach Spitzbergen transportiert und diese acht Meter hohen Schwimmkörper mit Kunstoffsäcken dort im Kongsfjord „ausgesetzt“. Es war die weltweit größte Experimentieranlage, mit der die Wissenschaftler die Auswirkungen der Ozeanversauerung auf das Plankton untersucht haben. Durch unsere Unterstützung konnte dieses bedeutende internationale Forschungsprojekt umgesetzt werden. Die Forschung zur Ozeanversauerung ist sehr wichtig, denn dadurch können sich massive Veränderungen im Meeresökosystem ergeben.

Redaktion: Warum fand das Experiment gerade in den eisigen Gewässern der Arktis statt?

Iris Menn: Die Arktis ist eines der letzten nahezu intakten großen Ökosysteme dieser Erde. Und sie ist eine der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen. Daher ist es besonders wichtig, gerade hier langfristig Daten zu erheben, um die Vorhersagekraft der Klimamodelle zu verbessern. Auch die Auswirkungen der Ozeanversauerung lassen sich in der Arktis am besten untersuchen, da aufgrund der niedrigen Temperaturen das Wasser besonders viel CO2 aufnimmt.

Redaktion: Was hattet ihr euch für diese Expedition vorgenommen?

Iris Menn: Unser erstes Ziel war Spitzbergen, um die Forschung an der Ozeanversauerung zu unterstützen. Danach sind wir nördlich von Spitzbergen unterwegs gewesen und haben dort die bisher wenig untersuchte Tiefsee kartiert. Das zurückweichende Eis macht einige Gebiete zum ersten Mal zugänglich und lässt die großen Fischereiflotten immer weiter nordwärts an die neue „Eiskante“ ziehen – diese Fischtrawler haben wir aufgespürt und dokumentiert.

Während eines weiteren Fahrabschnitts haben wir gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Cambridge/Großbritannien den Rückgang des arktischen Meereises erforscht. Und wir haben eine Arbeit aus dem Jahr 2009 fortgeführt und mit Wissenschaftlern des Woods Hole Institutes und der Universität Maine (USA) die rapide Gletscherschmelze auf Grönland untersucht. Also ein volles Programm.

Redaktion: Welche Erkenntnisse habt ihr im Rahmen der Greenpeace-Arbeit aus dieser Expedition gezogen?

Iris Menn: Unsere Dokumentation des Meeresbodens nördlich von Spitzbergen hat Michael Sswat in seiner Diplomarbeit ausgewertet; die Veröffentlichung ist in Vorbereitung. Wir haben zum Beispiel wunderschöne Weichkorallen dokumentiert, die durch ein Grundschleppnetz völlig zerstört würden. Durch Fischerei und auch andere mögliche Ausbeutung wie Ölförderung in diesem bisher unberührten Gebiet würde ein Ökosystem zerstört, welches wir noch überhaupt nicht kennen. Wir müssen daher die unkontrollierte Ausbeutung der Arktis unbedingt aufhalten. Dafür setzen wir uns weltweit ein und brauchen die Unterstützung aller.

Redaktion: Erinnerst du dich an eine besondere Erfahrung?

Iris Menn: Die Arktis ist faszinierend. Ich würde sofort wieder hinfahren. Morgens Eisbärenspuren neben dem Schiff zu entdecken, nachts um drei bei strahlendem Sonnenschein auf dem Helikopterdeck zu sitzen oder mit unserer Unterwasserkamera in eine unentdeckte Welt einzutauchen, sind Dinge, die man nicht vergisst. Es lohnt sich, für den Schutz der Arktis zu kämpfen. Wir müssen uns klarmachen: Wir haben die ganz große Chance, einen Lebensraum zu schützen, BEVOR er zerstört wird. Einmal nicht eine schon geschehene Zerstörung aufhalten, sondern diese von Anfang an verhindern! Die Arktis ist sogenanntes „Gemeingut“, das heißt, jedem von uns „gehört“ die Arktis ein bisschen, aber jeder hat auch eine Verantwortung für sie. Wir brauchen daher die Unterstützung aller.

Redaktion: Fünf Wochen dauert das Experiment in der eisigen Arktis. Mit den riesigen Reagenzgläsern im Gepäck macht sich die Crew der Esperanza zurück auf den Weg nach Kiel. Die Forscher setzen dem Fjord-Wasser darin jeweils so viel Kohlensäure zu, dass der Säuregrad der Versauerung in 20, 40, 60, 80 und 100 Jahren entspricht. Über drei Jahre dauern die Analysen, am 13. September 2013 veröffentlicht das GEOMAR das Ergebnis: Kleinste Plankton-Organismen wie Pico- und Nanophytoplankton wachsen stärker aufgrund des höheren CO2-Gehalts im Wasser und bilden mehr organischen Kohlenstoff.

Mit Folgen für die Nahrungskette: Das winzige Plankton verbraucht Nährstoffe, die anderen Arten wie zum Beispiel Kieselalgen nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Meere mit der Zeit weniger CO2 aufnehmen könnten, da mit zunehmender Anzahl von Pico- und Nanophytoplankton weniger Kohlenstoff in die Tiefe geleitet würde. Auch das Wechselspiel zwischen globalem Klima und den Ozeanen kann aus dem Gleichgewicht geraten: Die Produktion von Dimethylsulfid (DMS), einem klimakühlenden Gas, würde in einem solchen System abnehmen.

Redaktion: Iris, hat dich dieses Ergebnis überrascht?

Iris Menn: Ich hätte eher damit gerechnet, dass das gesamte Plankton von der Ozeanversauerung negativ beeinflusst wird. Dass die Kleinsten der Kleinen profitieren, ist neu. Die Erkenntnisse zeigen zudem, dass dies Auswirkungen auf die Basis des Nahrungsgefüges hat: Diatomeen und Kieselalgen. Und jeder kann sich vorstellen, dass es keine gute Sache ist, wenn die Basis des Nahrungsnetzes angegriffen wird …

Ich sehe hier erneut ein ganz klares Zeichen, wie wichtig es ist, dass wir unseren CO2-Ausstoß verringern. Um die Arktis zu schützen, müssen wir aber ebenfalls sicherstellen, dass sie nicht durch Ölförderung oder Fischerei zerstört wird. Das zurückweichende Eis lockt die Giganten, sie scharren mit den Hufen. Daher meine Bitte an die Leser: Unterstützen Sie uns für den Schutz der Arktis auf www.savethearctic.org.

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