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„Die Arktis sollte niemandem gehören“

Die Inuit Tuku Olsen verbringt im Rahmen des europäischen Freiwilligendienstes ein Jahr bei Janun, dem Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen in Hannover. Sie ist 26 Jahre alt und studiert Sozialwissenschaften in Grönland. Urspünglich kommt Tuku aus Thule, einer der nördlichsten Städte der Welt und mit knapp 650 Einwohnern der größte Ort des nördlichen Grönlands. Während eines Besuchs in Hamburg haben wir mit Tuku über ihre Heimat, die Arktis, gesprochen.

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Online-Redaktion: Welches politische Thema beschäftigt, Deiner Meinung nach, die Grönländer derzeit am meisten?
Tuku Olsen: Kultur und Sprachen spielen eine wichtige Rolle. Aber auch die Bergbauindustrie ist zurzeit ein großes Thema in der Politik. Die meisten Einwohner wollen nicht, dass ihr Land durch die Industrie zerstört wird. Allerdings möchten sie Grönland auch gerne wirtschaftlich entwickeln, um unabhängig von Dänemark zu werden. Dieses Thema spaltet die Menschen. Es wird viel darüber diskutiert.
Wie sind die Inuit aus Grönland in internationalen politischen Diskussionen über die Arktis beteiligt?
Nehmen wir beispielsweise den Arktischen Rat: Grönland hat dort keinen direkten Sitz, sondern wird von Dänemark vertreten. Ich denke, das ist falsch. Wir Inuit sollten das Recht haben, selbst etwas über uns zu sagen und nicht Dänemark, das tausende Kilometer entfernt von uns ist und noch nicht einmal in der Arktis liegt.
Online-Redaktion: Was bedeutet Dir der Schutz der Arktis?
Tuku Olsen: Ganz viel - natürlich muss die Arktis geschützt werden! Es ist unsere Heimat. Deshalb möchte ich nicht, dass sie zerstört wird. Die Menschen in meinem Heimatort Thule leben noch sehr traditionell. Die Jagd ist Teil ihrer Lebensgrundlage. Durch den Klimawandel wird das Eis immer weniger, wodurch viele Jäger gezwungen werden stattdessen als Fischer zu arbeiten. Viele Inuit müssen ihre traditionelle Lebensweise aufgeben und haben zum Teil Probleme ihre Familien und ihre Hunde ausreichend zu versorgen.
Wir müssen die Arktis schützen! Die Menschen müssen uns Inuit zuhören, schließlich sind wir diejenigen, die in der Arktis leben. Wir sollten ein größeres Mitspracherecht haben. Gleichzeitig sind wir aber so wenige, dass es schwer ist, gehört zu werden. In ganz Grönland leben zum Beispiel nur 65.000 Einwohner. Wie sollen wir also die Welt erreichen? Die Arktis sollte mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Online-Redaktion: Wie stellst Du Dir die Zukunft vor?
Tuku Olsen: Das ist schwer zu sagen, man kann den Klimawandel nicht stoppen. Das Eis wird immer weniger werden. Aber ich hoffe, dass die Bergbauindustrie unser Land nicht zerstört. Und dass wir eine andere Möglichkeit finden, um finanziell unabhängig von Dänemark zu werden - zum Beispiel durch Tourismus.
Online-Redaktion: Hältst Du ein Schutzgebiet in der Arktis für sinnvoll?
Tuku Olsen: Ja, grundsätzlich schon. Ich möchte allerdings nicht,  dass der Nordpol Eigentum von allen Staaten wird. Die Arktis sollte niemandem gehören.

Wenn auch Sie die Arktis erhalten wollen und sich für ein Schutzgebiet einsetzen möchten, können Sie hier aktiv werden: www.savethearctic.org/

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