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Das sibirische Öl-Inferno

Tierkadaver, beißender Gestank, immer wieder Brände und überall Ölschlicke: Die Ölindustrie hat die Khanty-Mansi Region in Sibirien in eine Todeszone verwandelt. Zhenya Belyakova, Ölexpertin von Greenpeace Russland, berichtet aus einer Gegend, in der die Ölverschmutzung kein akutes, sondern ein chronisches Problem ist. Für die Arktis lässt ihr Bericht Schlimmes befürchten.

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Wir sind in der Nähe einer Stadt namens Pyt'-Yah in Sibiriens Khanty-Mansi-Region unterwegs. Diese Region liegt inmitten der Ölfelder des Ölkonzerns Rosneft. Khanty-Mansi ist Russlands Hauptfördergebiet, Einnahmen aus Öl und Gas machen hier 25 Prozent des Staatshaushaltes aus und sind für eine furchtbare Inflation und absolute wirtschaftliche Abhängigkeit von den Ölmärkten verantwortlich.

Wir stehen in einem Morast aus dickflüssigem schwarzen Ölschlamm, unsere Kleidung werden wir hier sicher nicht sauber behalten. So sieht sie aus, die verborgene Seite des Rohstoffmarktes, verborgen vor den Augen der europäischen Verbraucher und den sorglosen Big Oil-Profiteuren in den russischen Großstädten.

Hier in den Tiefen der sibirischen Wälder brauchen sich die Ölkonzerne nicht um ihr Image zu sorgen. Bei der Einführung von regelmäßigen Kontrollen und Überprüfungen ihrer Aktivitäten hat die Regierung versagt und die meisten kleinen Unfälle ereignen sich unbemerkt. Und im Falle größerer Ölunfälle ist Rosneft an das Zahlen geringfügiger Strafgebühren gewöhnt.

Ölunfälle sind Alltag

Die Ölindustrie in Russland kontaminiert Jahr für Jahr mit 30 Millionen Barrel Öl die Umwelt - das entspricht sieben Ölunfällen in der Größenordnung des Deepwater Horizon-Unglücks. Jedes Jahr ereignen sich 20.000 Unfälle - die Hälfte davon durch Rosneft, was Rosneft zum weltweit größten Ölverschmutzer macht - weit vor Shell, BP, Conoco Philips und Chevron.

Beobachter gehen davon aus, dass sich 97 Prozent der Pipelinebrüche aufgrund von Korrosionen ereignen, die auf Alter und falsche Nutzung der Anlagen zurückzuführen sind. Die meisten Rohre sind über dreißig Jahre alt und waren nie für eine so lange Nutzungsdauer bestimmt. Wir sehen rostende Pipelines auf feuchtem Boden und Schnee liegen - manche liegen sogar direkt in Wasserläufen; wir finden Gruben, die nach Reparaturarbeiten wieder verlassen wurden, vollgelaufen mit Ölschlamm. Tausende Hektar Wald werden langsam durch Kontamination und Brände dahingerafft, in Wasserbasins glänzt der Ölschlick. Einige Ölunfälle ziehen sich über mehrere Kilometer, seit vielen Jahren. Sie entstehen an leckenden Rohren und werden immer größer. Überall liegen Kadaver von Vögeln und kleinen Tieren. Die Bevölkerung berichtet von Elchen, die im Ölsumpf verendet sind. Ein zäher und stickiger chemischer Gestank liegt in der Luft.

Arktis im Visier

Selbst wenn Beobachter die Ölunfälle entdecken, heißt das noch lange nicht, dass diese auch beseitigt werden. Viele Unternehmen tun nur so, als würden sie die Böden sanieren, und lassen das Öl einfach unter Sand und Erde verschwinden. Durch diese jahrelange Praxis ist die natürliche Vegetation größten Teils abgestorben. Bis sich die Natur unter dem rauen subarktischen Bedingungen erholt hat, werden viele Generationen kommen und gehen.

Die Indigenen Bevölkerungen in diesen Gegenden - die Khanty, Mansi und Nenets - sehen sich gezwungen, ihre traditionellen Lebensweisen aufzugeben. Profite aus der Ölproduktion, auf die der russische Staat so stolz ist, sind gleichbedeutend mit weniger Wild in den Wäldern, keinem Fisch in den verschmutzten Flüssen und Straßen und Ölfeldern, wo einst Rentiere weideten.

Diese Umweltkatastrophe ist das Tagesgeschäft des Ölgiganten Rosneft, der jetzt die Arktis ausbeuten will. Anstatt seine leckenden, rostigen Pipelines in Sibirien auszutauschen, investiert der Konzern Milliarden Dollar, um Ölfelder in der Arktis zu erschließen. Durch die starke Unterstützung der Regierung hat Rosneft bereits eine Million Quadratmeter in der Arktis zugewiesen bekommen - doch der Konzern will noch mehr.

Auf internationalen Konferenzen und Führungstreffen redet Rosneft oft von seinen fortschrittlichen Technologien und einer nachhaltigen Entwicklung der Arktis. Doch während unsere Stiefel tief in ausgelaufenem Öl stecken, können wir deutlich sehen, wie weit entfernt diese Erklärungen von der Wahrheit sind. [Helfen Sie uns, die Arktis zu schützen: Unterzeichnen Sie die Greenpeace-Petition gegen Ölbohrungen in der Arktis, d. Red].

(Autorin: Zhenya Belyakova)

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