Greenpeace-Ehrenamtliche sammeln Putzlappen für den Ölkonzern Shell

Aufwischen, bitte!

Spenden für Shells Putzkolonne. Wenn der Konzern in der Arktis bohrt, wird er irgendwann dort Öl wegwischen müssen. Greenpeace-Aktivisten sammeln daher für einen riesigen Lappen.

  • /

Die Aktivisten sind am Samstag (04.07.) in 58 deutschen Städten unterwegs. Sie sammeln Stoffreste für den größten Putzlappen der Welt. Passanten können ihre persönliche Botschaft an den Ölkonzern Shell auf die Stoffreste schreiben. Die tausende Lappen werden dann zu einem riesigen Feudel zusammengenäht und Shell übergeben.

Absurd? Ja, gewiss. So absurd wie der Glaube, die Arktis könne im Falle eines Ölunfalls wieder gesäubert werden. Trotzdem will Shell in diesem Jahr vor der Küste Alaskas erneut nach Öl suchen. Der genehmigte Zeitraum für die Bohrungen hat am 1. Juli begonnen. Die Bohrinsel Polar Pioneer sowie das Bohrschiff Noble Discoverer sind auf dem Weg nach Norden zur Tschuktschensee.

Unfallrisiko: 75 Prozent

Sollte der Konzern Öl finden und fördern, ist mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit mindestens einem schweren Unfall zu rechnen. Davon gehen die Fachleute der US-Behörde Bureau of Ocean Energy Management aus – derselben Behörde, die Shells Probebohrungen genehmigt hat. Schon diese Probebohrungen gefährden tausende Wale und Robben, denn seismische Tests, Bohrungen und Eisbrecher führen zu einer enormen Lärmbelastung.

Störanfällige Technik

Wie wenig der Konzern für das riskante Unterfangen gerüstet ist, hat sich 2012 gezeigt. Schon damals hat Shell in der Arktis nach Öl gesucht. Es kam zu mehreren schweren Unfällen vor der Küste Alaskas. Das Unternehmen musste daraufhin seine Probebohrungen für zwei Jahre aussetzen.

Bei der diesjährigen Ölsuche ist auch das Bohrschiff Noble Discoverer wieder dabei – und fällt erneut durch technische Unzulänglichkeiten auf. Nach einer Inspektion Mitte April 2015 durch die US-Küstenwache mussten Techniker ein defektes Gerät austauschen, welches auch 2012 schon fehlerhaft war. Das Gerät trennt Öl von Brauchwasser und muss nach internationalem Recht funktionstüchtig sein.

Bei einer weiteren Inspektion am 20. Mai wurden ein Dutzend weitere Auflagenverstöße festgestellt. Nachdem diese Probleme angeblich behoben waren, erteilte die US-Küstenwache der Noble Discoverer das nötige Certificate of Compliance, das Übereinstimmungszertifikat. Am 30. Juni machte sich das Bohrschiff von Everett im US-Bundesstaat Washington auf den Weg nach Alaska.

„Zerquetscht wie eine Bierdose“

Auch bezüglich Shells Notfallplänen gibt es Zweifel. Der Konzern hat seine Notfallausrüstung  für einen möglichen Ölaustritt noch nie unter arktischen Bedingungen getestet. 2012 wurde eine spezielle Vorrichtung zum Auffangen von auslaufendem Öl („Absaugglocke“) bei Tests „wie eine Bierdose zerquetscht“.

Ein erster Test der Notfalltechnik in den Gewässern Washingtons im März dieses Jahres wurde von der zuständigen US-Behörde, dem Bureau of Safety and Environmental Enforcement (BSEE) zunächst als erfolgreich bestätigt, später wurden jedoch Zweifel bekannt. Die Behörde veröffentlichte diese jedoch erst, nachdem Greenpeace auf Grundlage des Freedom of Information Act die Herausgabe der Informationen beantragt hatte. 

Unter anderem hat das BSEE Bedenken wegen der Ankersysteme der eingesetzten Schiffe: Während eines Sturms hatte sich erneut ein Schlepper losgerissen und konnte nicht aus eigener Kraft wieder in Position gebracht werden. Andere Schlepper mussten helfen. Dabei konnte kein direkter Funkkontakt mit dem betroffenen Schiff hergestellt werden. Außerdem beobachteten Mitarbeiter des BSEE, dass Arbeiter während der Übung in riskanten Positionen arbeiten mussten, und fordert deswegen eine Verbesserung der Arbeitsplatz-Sicherheitsprotokolle.

Doch selbst wenn Shell alle Auflagen erfüllen sollte, bleibt das Risiko mit einer 75-prozentigen Unfallwahrscheinlichkeit viel zu hoch. Larissa Beumer, Greenpeace-Expertin für die Arktis, fordert deshalb einen sofortigen Stopp der Ölsuche:

 „Schlimm genug, dass Shell die Arktis skrupellos aufs Spiel setzt. Dass die US-Regierung sie dabei auch noch unterstützt, ist ein weiterer Skandal“, sagt Beumer. „Nach der katastrophalen Pannenserie bei Shells Probebohrungen 2012 hatte die Regierung angekündigt, Shell nur bei Erfüllung strengster Kriterien und Auflagen erneut in der Arktis operieren zu lassen. Stattdessen enthält sie der Öffentlichkeit jetzt sogar Informationen vor, die Shells Fahrlässigkeit belegen.“

Die Unesco zieht die Bremse

Auch das Unesco-Welterbekomitee fordert von der US-amerikanischen Regierung einen Stopp der geplanten Bohrungen vor Alaskas Küste: Zunächst müssten eventuelle Auswirkungen eines Ölunfalls auf das nah gelegene Naturreservat Wrangel-Insel in der russischen Arktis vollständig erfasst und dem Komitee vorgelegt werden, hieß es am 1. Juli auf der Welterbekonferenz in Bonn.

Die Wrangel-Insel gilt als Arche Noah der Arktis und ist eine wichtige „Eisbären-Kinderstube“. 2004 wurde sie in die Liste der UNESCO-Weltnaturerbestätten aufgenommen. Sollte es bei Shells Ölbohrungen zu einem Unfall kommen, könnte das Öl innerhalb weniger Wochen die Küsten der Insel erreichen.

Der riesige Feudel der Greenpeace-Aktivisten soll Shell daran erinnern, was dann fällig wird. Wer sich an der Putzlappen-Aktion beteiligen möchte, kann seinen Stoffrest auch per Post einschicken: Greenpeace e.V., Stichwort „Arktis-Putzlappen“, Rethedamm 8, 21107 Hamburg.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Seismische Untersuchungen bedrohen Wale

Der Lärm seismischer Untersuchungen bei der Suche nach Öl wirkt sich negativ auf Meereslebewesen aus – so das Ergebnis eines neuen Berichts der Marine Conservation Research.

Zur Kampagne

Arktis-Pläne einfrieren!

Shell ist zurück in der Arktis. Vor der Küste Alaskas sucht der Konzern nach Öl – trotz hoher Risiken und internationaler Proteste.

Alle Artikel zu dieser Kampagne

Mehr zum Thema

Aufräumen am Ende der Welt

Plastikmüll an Stränden ist leider nichts Neues. Aber in der Arktis? Greenpeace barg an der Küste Spitzbergens bergeweise Kunststoff – Folgen einer ausufernden Fischereiindustrie.

12 Freunde

Die Kiezkicker vom FC St. Pauli unterstützen die Greenpeace-Kampagne zum Arktisschutz – und unterzeichneten als erster deutscher Profisportverein die Arctic Declaration.

Überraschender Besuch

Das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise trägt den Protest gegen die Ölbohrungen des Konzerns OMV in die Barentssee. Vor dessen Ölplattform flattern nun Banner: „Raus aus der Arktis!“