Interview mit Jan Plewka von der Band Selig

„Wie eine Erkenntnis“

Mit dem Song „Alles ist so“ reiht sich die Hamburger Band Selig in die Klimabewegung ein. Sänger Jan Plewka erzählt im Interview, wie es zur Zusammenarbeit mit Greenpeace kam.

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Bilder aus dem brennenden Amazonas-Regenwald, von plastikverschmutzten Stränden – aber auch Aufnahmen von Klimaschutz-Demos und Protestaktionen für die Umwelt. In ausdrucksstarkem Schwarzweiß schildert das aktuelle Musikvideo „Alles ist so“ der Band Selig eine Bestandsaufnahme der Welt, die gleichermaßen bedrückend wie hoffnungsvoll ist – mit Bildmaterial, das Greenpeace bereitstellte. 

Seit den Neunzigern – mit einer längeren Unterbrechung in den 2000er-Jahren – macht Selig deutschsprachige Rockmusik, mit Hits wie "Ist es wichtig?" oder "Ohne dich". Protestsongs gehörten bisher nicht unbedingt zum Repertoire. Sänger Jan Plewka (49) sprach mit uns darüber, wie das neue Stück entstand, was ihn mit Greenpeace verbindet und warum die Fridays For Future für ihn in den Bundestag gehören.

Greenpeace: Wann warst du das letzte Mal auf einer Demo?

Jan Plewka: Das war eine Fridays-For-Future-Demo in Hamburg… Die letzte, die tatsächlich draußen stattfand!

Was empfindest du, wenn du da mitläufst?

Totale Hoffnung. Das ist so eine brutale Friedlichkeit, die da herrscht, auch wenn das komisch klingt. Aber man merkt, dass dort gerade eine Revolution stattfindet – und man ist selber sehr glücklich, dabei zu sein. Das Ganze ist dabei auch unglaublich lässig. Und lustig! Das sind auch nicht nur Kinder, da sind Leute in meinem Alter, in deinem Alter, Omis for Future… Am liebsten wäre es mir wirklich, wenn alle, alle, alle auf die Straße gingen. Es sind ja schon sehr viele, aber es müssen noch mehr werden.

Gibt es einen Schlüsselmoment, an dem du gesagt hast: Hier läuft was falsch?

Tatsächlich durch meine Kinder. Die wurden von Greta angefixt und sind dann auf die Fridays-For-Future-Demos gegangen. Am Küchentisch haben wir uns darüber unterhalten, dann hab ich den Kühlschrank aufgemacht und mal geguckt: Die Butter in Plastik, der Käse in Plastik… Man packt das aus und tut dann dieses Plastik wieder in einen gelben Plastiksack… Und ich dachte: Das ist alles falsch. Als ich das nächste Mal an der Ampel stand, sah ich die Autos und in jedem saß ein einziger Mensch drin – total mies gelaunt im Stau. Auch da dachte ich wieder: Das ist falsch, das ist alles falsch. Da muss sich was ändern. Auch bei mir. 

Was hast du geändert?

Ich hatte immer schon eine Haltung, wenn auch nicht extrem. Je mehr ich mich damit beschäftigte, umso bewusster wurde ich aber. Das ging los mit der Ernährung. Ich hab mich früher auch von Fleisch ernährt, das ist total weg. Und es ist großartig! Ich hab Filme geguckt und Bücher gelesen und dachte: Mann, Plewka, was hast du dein ganzes Leben lang gemacht! Das traf mich wie eine Erkenntnis. Dank meinen Kindern – und dank Greta.

Was ist die Geschichte hinter „Alles ist so“?

Ich hatte die Anfrage für eine Fernsehsendung gekriegt, „Sing meinen Song“ heißt die. Da treffen sich sieben Sängerinnen und Sänger und interpretieren die Lieder der anderen. Das sehen Millionen Leute! In der Sendung darf jeder auch einen eigenen Song performen, und wir hatten dafür sogar schon ein Lied am Start. In der Nacht bevor wir ins Studio gegangen sind, hab ich allerdings echt lange gegrübelt: Jetzt wieder so ein „Boy meets Girl“-Lied? Du hast da eine Reichweite von so vielen Leuten… Dann ist mir dieser Text in den Morgenstunden – in einer halben Stunde! – eingefallen. Wie Luthers Thesen! (lacht) Ich bin sehr glücklich damit. Es ist halt auch ein Selig-Text. Der sagt nicht: Es ist genau so und so. Wenn man die Worte hört und die Musik dazu, dann färben sich da Bilder im Kopf der Zuhörer. Ich hoffe, dass die Message rüberkommt.

Siehst du die Band – oder dich als Person der Öffentlichkeit – selbst auch in der Verantwortung, auf die Notwendigkeit von Umwelt- und Klimaschutz hinzuweisen?

Ja, und es macht Spaß! So wie mein Leben immer bewusster wird, möchte ich auch andere Leute auf diesen Pfad schicken. Es ist ja sogar der einfachere Weg, weil es dabei um Herz und Empathie geht. Wir sind auch deswegen Musiker geworden, weil wir eine friedliche Welt wollen, eine gute Welt. Wenn man ein Mikrofon hat und die Chance vor sieben oder 70 Leuten was zu sagen, dann soll man das auch gerne nutzen.

In eurem Song heißt es, du willst nicht, dass die Welt so untergeht, „in regulierter Realität“? Was meinst du damit?

Eine regulierte Realität lässt keinen Platz für Träume. Das ist wie eingemauert sein. Und die Natur ist alles andere als eingemauert, die ist frei! Die bewegt sich. Alles ist lebendig und will nicht eingekerkert sein. Das ist eine Ode an die Freiheit. Einigkeit und Recht und Freiheit und Nachhaltigkeit, das wäre doch was! „Liebe Frau Merkel…“ (lacht)

Was würdest du denn der Bundeskanzlerin noch gerne sagen – abgesehen von Vorschlägen für die Nationalhymne? Was wünschst du dir von ihr?

Dass sie mal einen Perspektivwechsel wagt. Man weiß das von Astronauten – die teilen alle diesen Moment, in dem sie von oben auf die Erde schauen und einfach gefühlsmäßig begreifen, dass sie auf einem Planeten leben, der wahnsinnig schützenswert und selten ist. Ich möchte, dass Frau Merkel sich das mal vorstellt und auch fühlt. Die ganze Welt schaut in der Klimapolitik auf Deutschland, weil wir da ursprünglich gut vorgelegt haben. Die Fridays For Future müssen ins Parlament! Wir dürfen nicht mehr auf alte, weiße Männer hören, sondern müssen uns überlegen: Wie schaffen wir es eine liberale Ökodemokratie zu errichten? Lassen Sie uns jetzt etwas wagen, würde ich sagen. Irgendjemand muss doch damit anfangen. 

Bietet die derzeitige Krise dafür deiner Meinung nach die Chance?

Ich glaube, dass die Coronakrise gerade für viele ein Schuss vor den Bug ist. Das ist die Gelegenheit, auch mal zu sagen: Überdenkt eure Systeme, und was ihr für gerecht haltet. Und es klappt ja auch. Auch wenn die Geschäfte wieder geöffnet sind, merken viele, dass sie mit dem Nötigsten absolut auskommen. Und vielleicht überlegt sich auch der ein oder andere, ob er viermal im Jahr in Urlaub fliegen muss. Vielleicht lernen die Leute ja sogar irgendwann, dass sie kein Fleisch essen müssen. Die Menschheit entwickelt sich schon im Großen und Ganzen zum Positiven, da habe ich große Hoffnung. Aber die Politik muss uns jetzt mal ein bisschen helfen.

Wie kam das Video mit den Greenpeace-Bildern zustande?

Wir waren auf dem Madsen-Konzert in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg, da hatte Greenpeace einen Stand im Foyer. Ihr hattet da einen Eisbären, eine originalgroße Eisbärpuppe…

Paula!

Genau! Und Paula hat sich originalgetreu bewegt, wir waren völlig fasziniert! Zuerst hatten wir die Idee, wir könnten ein Video mit ihr drehen. So kam jedenfalls der Kontakt zustande. Greenpeace hat uns dann die Bilder geliefert, die unser Regisseur dann mit unserem Material zusammengeschnitten hat. Eine echte Zusammenarbeit also.

Hast du eine persönliche Geschichte mit Greenpeace?

Als ich klein war, haben meine Eltern manchmal den „Stern“ gelesen, das Magazin. Ich hab mir dann die Bilder darin angeschaut, und eines begleitet mich bis heute, weil es mich so beeindruckte. Das ist ein Bild, auf dem Greenpeace Walfänger stoppt, mit Schlauchbooten. Das war meine erste Begegnung mit Greenpeace.

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