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Neue Studie zeigt: Bildung für nachhaltige Entwicklung wird nicht ausreichend gefördert

„Quer denken, neu entwickeln“

Schüler brauchen die Chance, Nachhaltigkeit zu lernen. „Die Jugend wartet nur darauf, sich aktiv zu beteiligen“, erklärt Thomas Hohn, Greenpeace-Experte für Bildung, im Interview.

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Es ist an der Zeit, die Lehre von nachhaltiger Entwicklung im deutschen Bildungssystem zu verankern. Denn in der Schule werden Kindern und Jugendlichen keine grundlegenden Ideen für eine zukunftsfähige Welt vermittelt. Die Greenpeace-Studie „Nachhaltigkeitsbarometer“ zeigt, dass notwendige Kompetenzen dafür, eine nachhaltige Entwicklung zu gestalten, nicht ausreichend gefördert werden.

Thomas Hohn ist bei Greenpeace für den Bereich Bildung zuständig. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Stiftung Bildung (www.stiftungbildung.com), die bundesweit für bessere Lernbedingungen kämpft; zudem begleitet er Projekte im Bereich Schule und Kita. Im Interview erklärt er warum eine nachhaltige Entwicklung dringend in jeden Stundenplan gehört.

Das neue Nachhaltigkeitsbarometer zeigt: Schule bremst die Jugend aus, wenn es um ihr Engagement für die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft geht – was bedeutet das konkret?

Um die aktuelle Situation auf unserem Planeten verändern zu können, brauchen wir kreative Querdenkerinnen und Querdenker, die bereit sind ungewohnte Wege zu gehen und neue Perspektiven einzunehmen. Die Themen Klimawandel, Gerechtigkeit, Umweltschutz sind mit einem „immer-weiter-so“ nicht zu lösen. Die Vereinten Nationen haben das als essentiellen Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft und gerechtere Welt erkannt. Deshalb haben sie von 2005 – 2014 die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgerufen und ein daran anschließendes Weltaktionsprogramm beschlossen.

Diese Erkenntnis kommt in den deutschen Schulen jedoch nicht an. Zwar hören Jugendliche in der Schule etwas über Nachhaltigkeit, aber die Kompetenzen für nachhaltiges Handeln werden nicht gelehrt. Fakt ist, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung ein wissenschaftliches und politisches Expertenthema ist. Es gibt zwar etliche Engagierte und die UNESCO zeichnete in den letzten Jahren zahlreiche Projekte aus, die sich dem Thema „Nachhaltigkeit lernen“ gewidmet haben. Unser Bildungssystem ist auf einen Wandel jedoch nicht eingerichtet; die Lehrenden und Fachkräfte werden mit den Herausforderungen allein gelassen. Im Unterricht werden durchaus Themen wie gesundes Essen oder Regenwaldschutz behandelt – doch in der Praxis ändert sich dadurch nichts! In der Schulmensa gibt es weiterhin billiges und ungesundes Essen und am Kopierer stapeln sich die Papierberge. So gibt es einzelne Leuchttürme, hell wird es dadurch nicht.

Was brauchen Schülerinnen und Schüler, um die komplexen Probleme einer globalisierten Welt zu durchschauen?

Das Kernanliegen von Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, Menschen zu ermächtigen komplexe Zusammenhänge zu verstehen und daraus nachhaltige Handlungen zu entwickeln. Es gilt, über den Tellerrand hinauszuschauen, ökologische, ökonomische und soziokulturelle Themen in noch nie dagewesener Weise querzudenken und neu zu entwickeln. Bildung für nachhaltige Entwicklung soll Menschen unter anderem in die Lage versetzen, sich selbst und die Gesellschaft, in der wir leben, zu verändern.

Es ist wichtig den Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln, dass sie selbst etwas tun können, um eine Veränderung zu bewirken. Das kann über Planspiele zum Thema Zukunft passieren, über Bio-Essen in den Schulen bis zur Jugendbeteiligung in UN-Gremien. Es ist wichtig Möglichkeiten zum kreativen Denken zu bieten und Räume zu schaffen, um neue Perspektiven einzunehmen und mögliche Zukunftsvisionen zu entwickeln. Kompetenzen zur strategischen Umsetzung von nachhaltigen Veränderungen und eine kooperative Haltung, die das „Wir“ im Fokus hat, finden sich nicht im Alltag unseres Bildungssystems wider. Es geht dabei nicht um ein „immer mehr“ und „immer besser“ – was wir brauchen sind Lösungen für eine lebenswerte Zukunft. Dabei ist es entscheidend, die nächste Generation aktiv zu beteiligen und ihr die Frage zu stellen, wie sie sich Zukunft, Bildung und Leben wünscht.

Möchten sich Jugendliche denn überhaupt mit dem Thema nachhaltige Entwicklung beschäftigen? Ist bei ihnen das Interesse vorhanden?

Die Jugend wartet nur darauf, sich aktiv beteiligen zu können. Das Greenpeace-Nachhaltigkeitsbarometer zeigt deutlich, dass die nächste Generation die Herausforderungen erkennt. Die Gruppe der Nachhaltigkeitsaffinen bildet mit 32 Prozent die größte Einheit, dicht gefolgt von 20 Prozent an Nachhaltigkeit Interessierten. Ferner haben 15 Prozent der Jugendlichen eine hohe Motivation, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen, auch wenn sie diese nicht in Handlung umsetzen.

Weitere 16 Prozent handeln nachhaltig ohne einen inneren Anlass. Das ist eine ziemlich breite Basis. Bei Workshops mit Greenpeace-Jugendlichen löst die Frage: „Wie stellt ihr Euch Eure Zukunft vor?“ ein Feuerwerk von Ideen aus. Ihre Impulse stecken ein weites Feld ab: eine gerechtere Welt, die Gleichstellung von Umwelt und Mensch, die Entwicklung von Wir-Kompetenzen und ein verändertes Bildungssysteme mit weniger Bewertung und mehr Wertschätzung sind nur einige wenige der Punkte, die sie nennen.  Sie sind bereit aktiv zu werden.

Schule bremst also die Jugend aus, Lehrende werden nicht ausreichend unterstützt. Was muss sich ändern?

Bildung für nachhaltige Entwicklung, auch kurz BNE genannt, muss fest in die Bildungspläne aller relevanten Fächer verankert werden. Lehrer sind der Schlüssel – obwohl Bildung bereits in der Kita beginnt und sich über Berufs- und Hochschulen weiter fortsetzt. Lehrenden und Pädagogen kommt eine Schlüsselrolle zu, sowohl in Schulen als auch in Kitas und in der beruflichen Bildung. Ein wesentlicher Teil des lebenslangen Lernens findet zudem im außerschulischen oder non-formalen Bildungsbereich statt. Wir brauchen hier im gesamten Bildungssystem flächendeckende Aus-und Weiterbildungsangebote für Lehr- und Fachkräfte.

Wie setzt sich Greenpeace für die Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung ein?

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die systematische Einbindung von Kindern und Jugendlichen. Dafür muss sich die Politik bewegen. Greenpeace initiierte daher ein Bündnis aus deutschen Nichtregierungsorganisationen aus den Bereichen Jugend, Bildung, Umwelt, Entwicklung und Menschenrechte. Im „Bündnis ZukunftsBildung“ sind neben Greenpeace BUND, BUNDjugend, Germanwatch, GEW, Innowego,  NAJU, Oxfam,  Welthungerhilfe und WWF vertreten.

Das Bündnis fordert die Politik auf, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft einen Plan zu entwickeln, damit BNE fest im deutschen Bildungssystem verankert werden kann. Außerdem soll ein Zukunftsfonds eingerichtet werden, der die langfristige Finanzierung von notwendigen Strukturen sicherstellt. 

Publikationen

Weiterführende Publikationen zum Thema

Nachhaltigkeitsbarometer 2015

„Nachhaltigkeit bewegt die jüngere Generation“ – zu diesem Ergebnis kommt die zweite Greenpeace-Jugendstudie zum Thema nachhaltige Entwicklung.

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